Zwischen Mensch und Maschine – KAMERA sucht auf „Cyborg Love“ nach Nähe

Ein interessantes Debüt mit starken Ideen, das nicht immer sein volles Potenzial ausschöpft

Mit „Cyborg Love“ legt KAMERA ein Debütalbum vor, das sich bewusst den üblichen Genregrenzen entzieht. Soul, Art-Pop, Hip-Hop und elektronische Musik verschmelzen zu einem Klangbild, das gleichermaßen organisch wie künstlich wirkt. Hinter dem Projekt steht Felix Reisel, der als Ein-Mann-Band aus Synthesizern, Samplern und Drumcomputern eine musikalische Welt erschafft, in der Emotionen und Technik keinen Widerspruch bilden.

Schon die ersten Songs machen deutlich, dass KAMERA weniger an eingängigen Popsongs interessiert ist als an Atmosphäre. Die oft durch Vocoder verfremdete Stimme schwebt über warmen Synthesizerflächen und minimalistischen Beats. Dabei entstehen Momente, die faszinieren, gleichzeitig aber auch Geduld vom Hörer verlangen.

Inhaltlich dreht sich auf „Cyborg Love“ vieles um Verletzlichkeit, Identität und den Wunsch nach Nähe. Die erste Single „Softness“ formuliert das programmatisch und setzt ein bewusstes Gegenbild zu klassischen Rollenbildern. Auch „Safe Space“ oder „Tränentattoo“ beschäftigen sich mit Unsicherheit und emotionaler Offenheit. Besonders der Titeltrack überzeugt durch seine ruhige Eleganz und entwickelt sich zu einem der stärksten Stücke des Albums.

Musikalisch bewegt sich KAMERA dabei irgendwo zwischen modernem Electro-Pop, R’n’B und experimenteller Kunstmusik. Immer wieder blitzen interessante Ideen auf, etwa wenn analoge Synthesizer auf soulige Harmonien treffen oder ein trockener Hip-Hop-Beat plötzlich von schwebenden Klangflächen abgelöst wird. Vor allem „DJ“ sorgt mit seinem Groove für etwas mehr Dynamik und lockert die insgesamt eher introvertierte Grundstimmung angenehm auf.

Genau hier liegt allerdings auch die kleine Schwäche des Albums. Trotz vieler spannender Ansätze bewegt sich „Cyborg Love“ über weite Strecken in einem ähnlichen Tempo und einer vergleichbaren Klangästhetik. Dadurch verschwimmen einige Songs miteinander und hinterlassen nicht immer einen bleibenden Eindruck. Etwas mehr Mut zu Kontrasten hätte dem Album gutgetan.

Dennoch besitzt KAMERA eine unverwechselbare Handschrift. Das Projekt wirkt durchdacht, authentisch und verfolgt konsequent seine eigene Vision, ohne sich aktuellen Trends anzubiedern. Gerade Hörerinnen und Hörer, die experimentellen deutschsprachigen Pop schätzen, werden hier einiges entdecken können.

„Cyborg Love“ ist ein interessantes Debüt zwischen elektronischem Soul, Art-Pop und introspektivem Songwriting. Felix Reisel beweist Gespür für Atmosphäre und ungewöhnliche Klangwelten, verliert sich dabei aber gelegentlich etwas zu sehr in seiner eigenen Ästhetik. Wer sich auf das Album einlässt, wird mit einigen starken Momenten belohnt – der ganz große Wurf bleibt jedoch noch aus.

Text: Dennis Kresse

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