Joe Newman setzt auf intime Geschichten statt musikalischer Experimente
Mit alt-J hat Joe Newman den Indie-Rock der vergangenen anderthalb Jahrzehnte entscheidend mitgeprägt. Die ungewöhnlichen Arrangements, seine unverwechselbare Stimme und der Mut zum musikalischen Risiko machten die Band zu einer der spannendsten Formationen Großbritanniens. Unter dem Pseudonym Jerome87 schlägt Newman nun andere Töne an. Sein Solo-Debüt „The Canyon“ ist deutlich persönlicher, ruhiger und direkter – allerdings auch weniger aufregend als die Arbeiten seiner Stammband.
Entstanden in Los Angeles, geprägt von der Geburt seiner Tochter und den Eindrücken rund um Echo Park, erzählt „The Canyon“ kleine Geschichten aus einem neuen Lebensabschnitt. Songs wie „Brush Me Like A Horse“, „Track And Field“, „Mr Alligator“ oder „Green Velvet“ leben weniger von großen Refrains als von ihrer Atmosphäre und ihrer entspannten, fast filmischen Grundstimmung.
Die Produktion von Carlos de la Garza ist warm und organisch. Akustische Instrumente, dezente Background-Chöre und viel Raum für Newmans markante Stimme sorgen für einen natürlichen Klang, der gut zu den introspektiven Texten passt. Man merkt dem Album an, dass hier kein kommerzieller Druck im Vordergrund stand, sondern der Wunsch, persönliche Erlebnisse musikalisch festzuhalten.
Gerade darin liegt aber auch die größte Herausforderung von „The Canyon“. Über die Albumlänge bleibt das Tempo meist zurückgenommen, viele Songs bewegen sich in ähnlichen Klangfarben. Das sorgt zwar für einen stimmigen Gesamteindruck, lässt das Album aber stellenweise etwas gleichförmig wirken. Wer die stilistischen Überraschungen und rhythmischen Brüche von alt-J erwartet, dürfte deshalb eher zurückhaltend reagieren.
Dennoch gelingt Joe Newman ein glaubwürdiges Solo-Debüt. Er versucht nicht, seine Band zu kopieren oder sich künstlich neu zu erfinden. Stattdessen präsentiert er eine Sammlung persönlicher Songs, die von Ehrlichkeit und handwerklicher Qualität leben. Das Album braucht Zeit und Aufmerksamkeit – belohnt den Hörer aber mit vielen kleinen Details.
„The Canyon“ ist ein solides und stimmungsvolles Solo-Debüt, das Joe Newman als sensiblen Songwriter zeigt. Auch wenn dem Album über weite Strecken etwas mehr Abwechslung und musikalischer Mut gutgetan hätten, überzeugen die authentische Atmosphäre und die unaufgeregte Produktion. Ein durchaus gelungenes erstes Kapitel außerhalb des alt-J-Universums.
Text: Dennis Kresse
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