Es gibt Musik, die will unbedingt verstanden werden. Und dann gibt es Antony Szmierek, der lieber ein paar Gedanken in den Raum stellt, einen Beat darunterlegt und uns selbst herausfinden lässt, was davon eigentlich gerade passiert. Auf „Decoding Birdsong“ verbindet der aus Manchester stammende Dichter, Autor und Produzent Spoken Word mit House, Electro, Disco und Techno – und macht daraus ein Album, das gleichzeitig tanzen und nachdenken kann.
Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil Spoken Word schnell nach Kulturseminar mit anschließendem Rotweinempfang klingen kann. Bei Szmierek passiert das Gegenteil. Die Beats geben seinen Texten Bewegung, während seine Geschichten immer wieder kleine Türen öffnen. Mal geht es um Zufall, mal um Einsamkeit, Glück oder die Frage, ob wir tatsächlich Zeichen erkennen – oder einfach nur das sehen, was wir ohnehin sehen wollen.
„The Heron“, „Chalk“ und „Seminal“ zeigen dabei unterschiedliche Facetten dieses Konzepts. Besonders „The First Five Minutes Of Magnolia“ mit Pretty Girl bringt zusammen, was auf dem Papier eigentlich nicht unbedingt zusammengehört: hellen Filter-House und grungige New-York-Gitarren. Und genau deshalb funktioniert es.
Szmierek hat seine elektronische Sozialisation hörbar verinnerlicht. Four Tet, Caribou und LCD Soundsystem sind als Einflüsse nicht schwer zu erahnen, trotzdem klingt „Decoding Birdsong“ nicht wie eine musikalische Hausaufgabe zum Thema „Kennt ihr noch diese tollen Acts?“. Der Mann hat seinen eigenen Ton gefunden.
Dabei hilft sicherlich auch seine ungewöhnliche Biografie. Einst Englischlehrer an einem College für Schüler mit besonderen Bedürfnissen, wurde Szmierek mit seiner Mischung aus Gedichten und Dance Music plötzlich vom Geheimtipp zum Festival- und Radiokünstler. Glastonbury, Jools Holland, BBC-Airplay und ausverkaufte Shows folgten. Sogar vor 20.000 Menschen im Londoner Alexandra Palace durfte er inzwischen ran.
„Decoding Birdsong“ klingt allerdings nicht nach dem Versuch, diesen Aufstieg möglichst laut zu feiern. Eher nach einem Künstler, der nach dem ersten großen Schub einmal tief durchatmet und sich fragt, was jetzt eigentlich kommt. Der Umzug von Manchester nach Bristol passt da ziemlich gut ins Bild.
Und vielleicht ist genau das die Stärke dieses Albums: Es versucht nicht, Antworten zu liefern. Szmierek sammelt Beobachtungen, Zufälle und merkwürdige kleine Momente und macht daraus Musik. Ein Reiher, ein Würfel, ein abstürzendes Flugzeug, „Aussie Gold Hunters“ und eine Godzilla-Figur aus Fiberglas werden zu Begleitern einer ziemlich menschlichen Suche nach dem Sinn im vermeintlichen Zufall.
Das kann manchmal etwas verkopft wirken. Aber selbst dann bleibt dieser Beat, der einen daran erinnert, dass man hier nicht in einer philosophischen Vorlesung sitzt.
„Decoding Birdsong“ ist deshalb ein ziemlich schönes Album für Menschen, die gerne tanzen, während sie über ihr Leben nachdenken. Oder umgekehrt. Antony Szmierek hat jedenfalls verstanden, dass ein guter Beat nicht vom Denken ablenken muss. Er kann es sogar anschieben.
Text: Dennis Kresse
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