**Zurück ins Punk Cabaret – The Dresden Dolls beweisen, dass manche Alben niemals altern**

Es gibt Alben, die hört man. Und es gibt Alben, die einen in einer bestimmten Lebensphase begleiten, herausfordern und nie wieder loslassen. **„Yes, Virginia…“** von **The Dresden Dolls** gehört genau in diese Kategorie. Als Amanda Palmer und Brian Viglione das Album 2006 veröffentlichten, war sofort klar: Das hier ist keine gewöhnliche Rockplatte. Das war Theater, Wut, Wahnsinn, Kabarett und Poesie – alles gleichzeitig.

Zwanzig Jahre später erscheint mit **„Yes, Virginia… (Tailor’s Version)“** keine lieblose Neuauflage, sondern eine Herzensangelegenheit. Der augenzwinkernde Titel spielt zwar auf Taylor Swifts Re-Recording-Projekte an, doch der eigentliche Grund ist das Ende des alten Plattenvertrags. Amanda Palmer und Brian Viglione nehmen sich ihre Songs zurück – und schenken ihnen gleichzeitig neues Leben.

Die große Stärke dieser Neuaufnahme ist ihre Ehrlichkeit. Die Songs klingen nicht geschniegelt oder überproduziert. Sie haben nichts von ihrer rohen Energie verloren, wirken aber an den richtigen Stellen gereifter. Amanda Palmers Stimme trägt heute noch mehr Geschichten in sich als vor zwanzig Jahren. Sie schreit, flüstert und leidet nicht mehr ganz so ungestüm wie damals – dafür umso glaubwürdiger. Brian Vigliones Schlagzeug bleibt der pulsierende Motor dieser Platte: wild, verspielt und immer genau dort, wo es weh tun darf.

Gerade Klassiker wie „Backstabber“, das fragile „Sing“, „Modern Moonlight“, „Sex Changes“ oder das immer noch erschütternd schöne „My Alcoholic Friends“ zeigen eindrucksvoll, warum The Dresden Dolls bis heute einzigartig geblieben sind. Besonders „Sing“ hat für nichts von seiner Magie verloren. Dieser Song ist keine laute Hymne, sondern eine leise Aufforderung, die eigene Stimme zu finden – voller Hoffnung, Verletzlichkeit und dieser ganz besonderen Mischung aus Melancholie und Trotz, die Amanda Palmer wie kaum jemand transportieren kann. Genau solche Momente machen deutlich, dass The Dresden Dolls nie einfach nur Musik gemacht haben. Sie haben Gefühle in Songs gegossen.

Dabei ist es erstaunlich, wie zeitlos diese Songs geblieben sind. Die Wut wirkt nicht nostalgisch, sondern aktuell. Der Humor ist schwarz wie eh und je, die Melancholie schmerzt noch immer und Amanda Palmer besitzt diese seltene Gabe, verletzlich und unerschrocken gleichzeitig zu klingen.

Natürlich stellt sich bei jeder Neuaufnahme die gleiche Frage: Braucht man sie überhaupt? Im Fall von **„Yes, Virginia… (Tailor’s Version)“** lautet die Antwort überraschend eindeutig: Ja. Nicht weil das Original ersetzt würde – das wäre unmöglich. Sondern weil die Songs zwanzig Jahre Leben erfahren haben. Man hört zwei Musiker, die nicht versuchen, ihre Vergangenheit zu konservieren, sondern sie aus heutiger Sicht noch einmal erzählen.

Wer die Dresden Dolls erst jetzt entdeckt, bekommt einen perfekten Einstieg. Wer das Original liebt, wird viele kleine Nuancen entdecken und feststellen, dass gute Musik eben nicht altert – sie wächst mit ihren Künstlern und ihren Hörern.

*Kein nostalgischer Aufguss, sondern eine selbstbewusste Rückeroberung eines Kultalbums. Amanda Palmer und Brian Viglione beweisen eindrucksvoll, warum The Dresden Dolls bis heute das Maß aller Dinge im Punk Cabaret sind.

Text: Dennis Kresse

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