Red Orkestra – Letters From Afar: Morrissey, bist du das?

Manche Bands verschwinden nicht wirklich. Sie werden nur irgendwann leiser. Und dann tauchen sie plötzlich wieder auf, als hätten sie zwischenzeitlich lediglich ein paar Dinge zu erledigen gehabt. Bei Red Orkestra hat diese Pause immerhin acht Jahre gedauert. Mit „Letters From Afar“ meldet sich die kanadische Band nun zurück – und klingt dabei erstaunlich wenig nach einer Gruppe, die erst einmal wieder herausfinden muss, wo der eigene Verstärker steht.

Vielleicht liegt es daran, dass Red Orkestra nie sonderlich daran interessiert waren, Trends hinterherzulaufen. Ihr Sound lebt von Rock, Melodie und einer gewissen melancholischen Grundierung. Dazu kommt Sänger Johnny Charmer, dessen Stimme tatsächlich einen kleinen Umweg über Manchester nehmen könnte. Nein, Morrissey ist nicht plötzlich unter falschem Namen in Kanada unterwegs. Aber die Frage darf man sich zumindest kurz stellen.

„You’re So Far Away“ eröffnet den musikalischen Reigen mit ordentlich Zug. Gitarren, Rhythmus und Charmer Stimme greifen ineinander und machen ziemlich schnell klar, dass hier niemand versucht, das Rad neu zu erfinden. Muss ja auch nicht. Gute Songs brauchen schließlich keine Bedienungsanleitung.

Acht Jahre nach dem letzten Album „The Beautiful Way“ ist „Letters From Afar“ das mittlerweile siebte Album der Kanadier. Zehn Songs kreisen um Liebe, Sehnsucht und Hoffnung – also jene drei Themen, die vermutlich schon besungen wurden, bevor der erste Mensch überhaupt wusste, was eine Gitarre ist. Red Orkestra finden trotzdem ihre eigenen Blickwinkel und halten die Balance zwischen Melancholie und musikalischem Vorwärtsdrang.

Ganz unpolitisch bleibt es ebenfalls nicht. „Mao & Stalin“ trägt seine Botschaft ziemlich unüberhörbar vor sich her, während „Everstrong“ am Ende noch einmal eine kämpferische Note setzt. Das passt zur Band, deren Name selbst auf die historische „Rote Kapelle“ und damit auf antifaschistischen Widerstand verweist. Große Gesten sind dabei nicht unbedingt nötig. Manchmal reicht es, eine Haltung nicht zu verstecken.

„Letters From Afar“ ist deshalb kein Album, das laut „Comeback!“ ruft und anschließend möglichst schnell wieder verschwindet. Es ist vielmehr eine angenehm bodenständige Rückkehr. Red Orkestra spielen ihren Rock, schreiben ihre Melodien und lassen dabei genug Platz für Sehnsucht, Widerstand und ein bisschen Weltschmerz.

Und Johnny Charmer? Nein, Morrissey ist er immer noch nicht und das ist wirklich gut so.

Aber eine gewisse stimmliche Verwandtschaft lässt sich nun wirklich nicht leugnen.

Text: Dennis Kresse

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