Kadri Voorand schenkt dem Jazz Wärme statt Größe!

Nach dem fulminanten Auftritt im Rahmen des Jazzfest Bonn im Bonner Pantheon Bonn war eigentlich klar: Diese Künstlerin braucht keine große Geste, um einen Saal komplett in ihren Bann zu ziehen. Was Kadri Voorand jetzt mit ihrem neuen Album Songs to Hold You vorlegt, knüpft genau dort an – allerdings noch intimer, reduzierter und persönlicher.

Gemeinsam mit Bassist Mihkel Mälgand erschafft Voorand auf 14 Songs eine Platte, die weniger beeindrucken will als berühren. Und genau darin liegt ihre enorme Stärke. Statt virtuoser Überladung oder demonstrativer Jazz-Akrobatik setzt Songs to Hold You auf Atmosphäre, Zwischenräume und Emotionen, die sich oft erst ganz leise entfalten.

Dabei klingt das Album erstaunlich organisch. Alles wirkt atmend, beweglich und bewusst offen gehalten. Die Arrangements lassen Platz für Improvisation, spontane Wendungen und kleine musikalische Überraschungen. Gerade dadurch entsteht eine Nähe, die man in vielen aktuellen Jazzproduktionen vermisst.

Voorands Stimme bleibt dabei das eigentliche Zentrum dieser Platte. Sie singt nicht einfach Songs – sie modelliert sie. Mal klingt sie verspielt und federleicht, dann wieder fast zerbrechlich, ehe sie plötzlich rhythmisch explodiert oder in improvisierte Klangmalerei abtaucht. Dass sie ihre Stimme wie ein Instrument behandelt, ist keine bloße Pressefloskel, sondern auf diesem Album jederzeit hörbar.

Besonders spannend ist dabei die Mischung aus eigenen Kompositionen und ausgewählten Coverversionen. Alles wird durch denselben emotionalen Filter gezogen: Wärme, Verletzlichkeit und diese nordische Melancholie, die niemals kitschig wirkt. Man hört dem Album an, dass Voorand stärker zu ihren estnischen Wurzeln zurückgefunden hat. Viele Stücke tragen eine fast folkloristische Tiefe in sich, ohne jemals altbacken zu klingen.

Und trotzdem bleibt Songs to Hold You ein Jazzalbum – nur eben eines, das nicht permanent beweisen muss, wie clever es ist. Statt technischer Selbstdarstellung stehen Atmosphäre und Verbindung im Mittelpunkt. Das macht die Platte zugänglich, ohne banal zu werden.

Gerade in hektischen Zeiten wirkt dieses Album fast wie ein Gegenentwurf zur Dauerüberreizung. Es fordert Aufmerksamkeit, aber keine Anstrengung. Wer sich darauf einlässt, entdeckt ein Werk voller Wärme, Feingefühl und musikalischer Offenheit.

Songs to Hold You ist kein lautes Statement, sondern ein stilles, intensives Album voller Menschlichkeit. Eine Platte, die nicht auf Distanz funktioniert, sondern direkt unter die Haut will – und dort erstaunlich lange bleibt.

Text: Dennis Kresse

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