Europe – Come This Madness: The Final Countdown war gestern – jetzt wird’s wieder ernst

Neun Jahre sind eine verdammt lange Zeit. In der Rockmusik reicht das locker für mindestens drei Comebacks, zwei Nostalgiewellen und eine neue Generation von Bands, die behauptet, sie hätte den Hardrock gerade erfunden. Europe haben sich davon nicht beeindrucken lassen. Die Schweden melden sich mit „Come This Madness“ zurück – und erstaunlicherweise klingt das zwölfte Studioalbum nicht nach einer Reise ins eigene Museum.

Natürlich ist da diese Geschichte. Europe sind die Band von „The Final Countdown“, einem Song, der sich seit fast vier Jahrzehnten hartnäckig weigert, aus dem kollektiven Gedächtnis zu verschwinden. Das kann Segen und Fluch zugleich sein. Doch Joey Tempest und seine Mitstreiter machen auf „Come This Madness“ nicht den Fehler, ständig gegen ihre Vergangenheit anspielen zu müssen. Die Vergangenheit ist schließlich schon da.

Stattdessen klingt das Album erstaunlich präsent. Die Gitarren haben ordentlich Druck, die Melodien sitzen und die Songs dürfen groß werden, ohne gleich nach Stadionpflichtprogramm zu klingen. „One On One“ bringt diese Mischung ziemlich gut auf den Punkt: treibendes Bassriff, wuchtige Gitarren, große Melodie – und ein orchestrales Intro, das den Song erst einmal aufzieht, bevor Europe den Schalter umlegen.

Interessant wird es dort, wo die Band ihre eigene Komfortzone verlässt. Die Texte sind weniger eskapistisch als in den frühen Jahren und beschäftigen sich stärker mit einer Gegenwart, die nicht unbedingt dazu einlädt, die Lautstärke herunterzudrehen. Europe reagieren darauf allerdings nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Energie. „Come This Madness“ ist kein Album über eine bessere Vergangenheit, sondern über das Weitermachen.

Produzent Tom Dalgety bekommt dabei hörbar Raum, den Sound zu modernisieren, ohne Europe ihre Identität wegzuproduzieren. Dass mit Tobias Forge von Ghost und Michael Åkerfeldt von Opeth zwei Musiker aus ziemlich unterschiedlichen Ecken des Rockkosmos auftauchen, passt ebenfalls ins Bild: Europe interessieren sich noch immer dafür, was hinter der eigenen Haustür passiert.

Und so bekommt „The Final Countdown“ auf einmal eine ganz andere Bedeutung. Nicht als Endpunkt, sondern als Zwischenstand. Europe sind längst nicht mehr die jungen Wilden aus den Achtzigern. Aber sie klingen auch nicht wie eine Band, die sich damit abgefunden hat.

Der Countdown läuft also weiter. Nur eben in eine andere Richtung.

Text: Dennis Kresse

Erzählt von uns: Facebooktwitterby feather