Elektronik hinterm Eisernen Vorhang: Reinhard Lakomy klingt 1983 schon nach morgen!

Manchmal braucht es keine große Restaurierung, sondern einfach das richtige Timing: Zum 80. Geburtstag von Reinhard Lakomy erscheint erstmals ein Live-Mitschnitt aus dem Jahr 1983 – aufgenommen im Palast der Republik. Und plötzlich wird klar, wie weit dieser Mann seiner Zeit voraus war.

Was hier unter den Titeln „Am Anfang“ und „Solitär“ zu hören ist, wirkt auch heute noch erstaunlich offen. Lakomy verbindet elektronische Flächen mit Jazz- und Rockelementen, ohne dass es je nach Experiment klingt. Stattdessen entsteht ein Sound, der eher fließt als sich festlegt – getragen von Synthesizern, die nicht nach Retro riechen, sondern nach Vision.

Besonders prägend: das Saxophon von Andreas Bicking. Es erdet die elektronischen Passagen, setzt Kontraste, bringt Wärme in diese oft schwebenden Klangräume. Das Zusammenspiel wirkt nie verkopft, sondern erstaunlich organisch.

Gerade im Kontext der DDR-Musikgeschichte bekommt diese Veröffentlichung zusätzliches Gewicht. Hier wird nicht verwaltet oder angepasst – hier wird ausprobiert. Und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, die man dieser Zeit nicht immer zutraut.

Klar, das ist kein Album für nebenbei. „Live 1983“ fordert Aufmerksamkeit, Geduld, manchmal auch ein bisschen Hingabe. Aber genau darin liegt seine Stärke: Es öffnet Räume, statt sie zu füllen.

Fazit: Kein nostalgischer Blick zurück, sondern ein erstaunlich zeitloses Dokument künstlerischer Freiheit – aufgenommen an einem Ort, der selbst längst Geschichte ist.

Text: Dennis Kresse

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