„At Montreux Jazz Festival“ ist schon deshalb ein interessantes Livealbum, weil die Hollywood Vampires hier genau das machen, wofür man sie kennt: Sie spielen eigene Songs, ziehen sich durch die Rockgeschichte und lassen dabei ziemlich konsequent die Finger von der Ehrfurcht.
Los geht es mit „I Want My Now“ und „Raise The Dead“, bevor mit „I Got A Line On You“ und „7 And 7 Is“ die erste Zeitreise beginnt. Das funktioniert erstaunlich gut, weil die Hollywood Vampires die alten Stücke nicht behandeln wie wertvolle Antiquitäten. Sie werden gespielt. Laut, direkt und mit ordentlich Bühnenluft.
Spätestens beim Doors-Medley „Five To One / Break On Through“ wird deutlich, wohin die Reise geht. Alice Cooper kennt das Theater, Joe Perry kennt das Riff und Johnny Depp hat inzwischen offenbar ebenfalls gelernt, dass eine Gitarre ein ziemlich brauchbares Argument sein kann. Die Chemie zwischen den Musikern stimmt.
Dann kommt „The Jack“ und anschließend natürlich „Ace Of Spades“. Bei Lemmys Klassiker wäre jede musikalische Überinterpretation ohnehin ungefähr so sinnvoll wie ein Tempolimit auf einer Motörhead-Platte. Die Vampires bleiben nah am Original und verpassen dem Song trotzdem ihren eigenen Live-Stempel. Das Ergebnis ist weniger Tributveranstaltung als eine ordentliche Rock’n’Roll-Verbeugung mit hochgekrempelten Ärmeln.
„Baba O’Riley“ gehört zu den weiteren Höhepunkten. Danach wechseln sich eigene Stücke und Coverversionen angenehm ab. „I’m Eighteen“ gehört zu Alice Cooper, während „Combination“ und „Sweet Emotion“ die Aerosmith-Verbindung von Joe Perry ziemlich offensichtlich, aber keineswegs störend in den Vordergrund rücken.
Besonders schön ist „People Who Died“. Der Song des Jim Carroll Band-Projekts bringt eine andere Farbe ins Set und zeigt, dass die Vampires nicht einfach die üblichen Greatest Hits des Rock zusammengekehrt haben. Auch „Heroes“ funktioniert – und zwar nicht als Versuch, David Bowie nachzusingen, sondern als respektvolle Interpretation eines Songs, bei dem man besser weiß, was man tut.
Überhaupt ist das die große Stärke dieses Mitschnitts: Die Band weiß, wann sie Gas geben muss und wann ein Song einfach für sich sprechen darf. Natürlich ist das keine Kammermusik. Wer bei den Hollywood Vampires nach subtilen Zwischentönen sucht, könnte auch versuchen, bei einem Motörhead-Konzert Flüsterproben durchzuführen. Aber das Album besitzt trotz aller Lautstärke erstaunlich viel Dynamik.
Zum Ende hin wird es mit „Train Kept A-Rollin’“ und dem Doppelpack „School’s Out / Another Brick In The Wall“ noch einmal richtig klassisch. Alice Cooper bekommt damit seinen großen Moment, während Pink Floyd kurzerhand in den Rock’n’Roll-Partybus einsteigen dürfen.
Was bleibt, ist ein Livealbum, das seine 19 Songs nicht als museale Sammlung präsentiert, sondern als ziemlich lebendige Rockgeschichte. Natürlich ist das Konzept der Hollywood Vampires inzwischen bekannt. Aber wenn man es so überzeugend spielt, darf man sich auch zum wiederholten Mal an den großen Songs bedienen.
„At Montreux Jazz Festival“ ist jedenfalls kein Album für Menschen, die ihre Rockgeschichte gerne ordentlich beschriftet im Regal stehen haben. Hier wird sie ausgepackt, aufgedreht und anschließend vermutlich nicht wieder ganz so ordentlich zurückgelegt.
Und genau so sollte Rock’n’Roll eigentlich sein.
Text: Dennis Kresse
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