Es gibt Liebeslieder, bei denen man nach drei Minuten entweder zum Taschentuch greift oder sich fragt, warum eigentlich schon wieder jemand über eine verflossene Beziehung singt. Ferris & Sylvester machen es anders. Ihr neues Album heißt „It’s A Joy To Be Alive“ – und nimmt diesen Titel erfreulich ernst.
Dabei beginnt die Geschichte mit „The Game“ ausgerechnet dort, wo sich Issy Ferris und Archie Sylvester vor rund zehn Jahren kennengelernt haben: im Süden Londons, zwischen Bars, Spaziergängen nach Hause und der ziemlich schlechten Idee, sich nur auf eine lockere Freundschaft zu beschränken. Dass daraus eine Ehe, eine Familie und nun ein Liebeslied über die eigene Geschichte geworden ist, hat schon etwas angenehm Unvernünftiges.
Musikalisch klingt „The Game“ wie ein verschollenes britisches Liebeslied aus den Siebzigern, das gerade wieder aus der Schublade gekrochen ist. Ein bisschen Kinks, ein bisschen Carpenters, dazu Streicher, mehrstimmiger Gesang und ein Refrain, der sich ziemlich hartnäckig im Kopf festsetzt. Man hört förmlich, dass Ferris & Sylvester beim Schreiben beschlossen haben, ausnahmsweise einmal nicht die dunkle Seite des Lebens zu vertonen.
Das ist auf dem gesamten Album spürbar. „It’s A Joy To Be Alive“ beschäftigt sich durchaus mit schwierigen Momenten, aber eben nicht damit, sich möglichst kunstvoll darin einzurichten. Freude und Hoffnung werden hier nicht als kitschige Gegenmittel verkauft, sondern als etwas, das man sich manchmal ziemlich hart erarbeiten muss.
Und genau dadurch bekommt das Album seine Wärme. Die bekannten Zutaten des Duos sind weiterhin da: raue Gitarren, eingängige Riffs und diese wunderbar aufeinander abgestimmten Stimmen. Doch zwischen Folk, Pop, Blues und Rock klingt vieles leichter als auf früheren Veröffentlichungen. Nicht oberflächlicher – eher befreiter.
Dass die beiden das Album im eigenen Studio aufgenommen und über ihr eigenes Label veröffentlichen, passt dabei bestens zum Inhalt. Hier wirkt nichts wie ein Produkt, das möglichst perfekt in irgendeine Schublade passen soll. Es klingt vielmehr nach zwei Menschen, die inzwischen ziemlich genau wissen, was sie musikalisch und im Leben wollen.
Besonders schön ist dabei die Selbstironie. Wenn Issy Ferris erzählt, dass Archies Arbeitstitel für das Projekt angeblich „I really f*cking love you“ lautete, ist das vielleicht die ehrlichste Zusammenfassung dieses Albums. Man muss Liebe ja nicht immer mit Sonnenuntergang und Streichern erklären. Manchmal reicht ein etwas ratloses Eingeständnis.
„It’s A Joy To Be Alive“ ist deshalb ein Album über das Leben, ohne daraus gleich eine Lebenshilfe-CD zu machen. Es darf sentimental sein, ohne peinlich zu werden, und optimistisch, ohne die dunklen Seiten auszublenden.
Und vielleicht ist das Schönste daran: Ferris & Sylvester haben tatsächlich zehn Jahre gebraucht, um ein Liebeslied über sich selbst zu schreiben. Manche Dinge brauchen eben ihre Zeit. Gute Songs offenbar auch.
Text: Dennis Kresse
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