Mit Lost Pieces legt Youn Sun Nah ein Album vor, das zunächst nach Melancholie klingt – und am Ende wie ein Befreiungsschlag wirkt. Die südkoreanische Sängerin, Songwriterin und Komponistin verarbeitet in elf Songs Zweifel an Liebe, Vertrauen und sich selbst. Verlust, Trennung, emotionale Bruchstücke: All das wird hier nicht ausgestellt, sondern durchlebt.
Wie schon auf Waking World schrieb und komponierte sie auch dieses Werk komplett in Eigenregie. Stilistisch bleibt sie dabei unberechenbar. Indie-Pop-Sensibilität trifft auf freies Jazz-Vokabular, fragile Folk-Momente kollidieren mit experimentellen Klangflächen. Der Opener „Shell of Me“ arbeitet mit industriell gefärbten Gitarren, über denen Youn Sun Nah zunächst kontrolliert, fast kontemplativ singt – bis Stimme und Sound sich in ein intensives Wechselspiel steigern. „Where’d You Hide“ reduziert das Pathos, legt die Worte offen, ungeschönt, direkt.
Der Titelsong „Lost Pieces“, ursprünglich minimalistisch gedacht und inspiriert vom Geist von Steve Reich, wächst zu einem der dichtesten Stücke des Albums: Blechbläser, Marimba und Streicher verweben sich sensibel, ohne der Stimme den Raum zu nehmen. Und genau hier liegt die Stärke dieser Platte – Youn Sun Nahs Gesang. Subtil, gehaucht, eruptiv, manchmal fast guttural: Sie nutzt jede Nuance, um Emotion nicht nur zu erzählen, sondern hörbar zu machen.
Das unterschwellig swingende „WTH is Love!“ setzt am Ende ein klares Zeichen gegen Selbstzweifel. Hoffnung statt Resignation. Bewegung statt Stillstand.
soundchecker.koeln-Fazit:
Lost Pieces ist kein leicht konsumierbares Album, sondern eine intensiver Blick ins Innere mit kathartischer Wirkung. Youn Sun Nah verbindet Genregrenzen mit persönlicher Offenheit – und formt daraus ihr bislang vielleicht stärkstes Statement. Verletzlich, mutig und künstlerisch kompromisslos.
Text: Dennis Kresse
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