Zwischen Raserei und Schönheit – Dekadenza betreten ihr „Wasteland“

Epic Groove Metal. Das klingt zunächst nach einem Genre, das sich seine eigene Gebrauchsanweisung gleich mitliefert. Bei Dekadenza darf man diese allerdings getrost beiseitelegen. Die Berliner Band um die Brüder Raphy und Adry versucht gar nicht erst, sich in eine vorhandene Schublade zu quetschen. Auf ihrem Debütalbum „Wasteland“ treffen Cello, Saxophon, Gitarre, Bass und Gesang aufeinander – also ungefähr das, was passiert, wenn jemand im Proberaum die Instrumentenliste nicht bei den üblichen Verdächtigen beendet.

Das Ergebnis bewegt sich zwischen roher Energie und atmosphärischen Momenten. Dekadenza wollen nicht einfach nur laut sein. Hinter der brachialen Seite steckt ein deutlicher Hang zu großen Klangbildern, während der Groove dafür sorgt, dass das Ganze nicht in einer endlosen Wand aus Gitarren untergeht. Gerade diese Mischung macht den Reiz der Band aus.

Dabei hilft sicherlich auch die ungewöhnliche Besetzung. Ein Saxophon im Metal ist schließlich nicht gerade das musikalische Äquivalent zur weißen Wand. Zusammen mit dem Cello sorgt es für Farben, die man in diesem Genre nicht unbedingt an jeder Ecke findet. Dekadenza machen daraus aber keinen Selbstzweck. Die Instrumente gehören zum Klangbild und erweitern es, anstatt lediglich nach dem Motto „Schaut mal, was wir können!“ herumzuwinken.

Interessant ist auch der musikalische Hintergrund von Raphy, der bereits an den beiden letzten Alben von Arch Enemy beteiligt war. Man hört diesem Projekt durchaus an, dass hier jemand weiß, wie Metal produziert und auf den Punkt gebracht werden kann. Gleichzeitig klingt Dekadenza nicht wie eine ausgelagerte Arch-Enemy-Nebenstelle. Zum Glück.

„Wasteland“ ist damit ein Debüt, das vor allem eines deutlich macht: Hier möchte sich eine Band nicht vorsichtig vorstellen, sondern gleich ihre eigene Sprache sprechen. Mal brachial, mal atmosphärisch, mal überraschend – und irgendwo dazwischen immer der Versuch, aus ziemlich unterschiedlichen Zutaten etwas Eigenständiges zu bauen.

Dekadenza haben ihr musikalisches Ödland also nicht nur „Wasteland“ genannt. Sie machen daraus einen ziemlich lebendigen Ort. Und wer beim Metal gerne etwas mehr entdeckt als die nächste sauber polierte Gitarrenwand, sollte dort durchaus einmal vorbeischauen.

Text: Dennis Kresse

Erzählt von uns: Facebooktwitterby feather