Zwischen Genie und Größenwahn: Queen II

Queen – „Queen II“ (Collector’s Edition)

Mit „Queen II“ beginnt nicht nur eine Band, sich selbst ernst zu nehmen – sie beginnt, sich selbst zu erfinden. Was 1974 noch wie überbordender Größenwahn wirkte, erscheint heute als Blaupause für alles, was Queen später auszeichnen sollte: Drama, Detailverliebtheit und der unbedingte Wille, mehr zu sein als nur Rockband.

Die neue Collector’s Edition legt diesen Anspruch schonungslos offen. Der 2026er-Mix räumt auf, ohne zu glätten. Plötzlich atmen Songs wie „Father to Son“ oder „The March of the Black Queen“ freier, ohne ihre überbordende Komplexität zu verlieren. Im Gegenteil: Erst jetzt wird hörbar, wie radikal dieses Album damals war.

Die Aufteilung in „White“ und „Black Side“ wirkt weiterhin wie ein programmatischer Akt – zwischen Brian Mays gitarrengetriebenem Pathos und Freddie Mercurys theatralischen Mini-Opern entsteht ein Spannungsfeld, das sich konsequent jeder Eindeutigkeit entzieht. Hier wird nicht sortiert, hier wird inszeniert.

Die zahlreichen Sessions, Outtakes und BBC-Aufnahmen der Box sind mehr als Fanservice. Sie zeigen eine Band im permanenten Grenzgang zwischen Idee und Überforderung – und genau darin liegt die Faszination. Vieles ist unfertig, manches roh, aber alles von einem bemerkenswerten Selbstverständnis und enormem Selbstvertrauen getragen.

„Queen II“ ist kein leicht zugängliches Album. Es ist überladen, verspielt, manchmal fast widerspenstig. Aber gerade in dieser Maßlosigkeit liegt seine Größe.

Oder anders: Hier klingt eine Band, die noch nicht weiß, wie groß sie werden wird – aber schon alles dafür tut.

Text: Dennis Kresse

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