Woodstock war gestern – Ten Years After wurden jetzt erst richtig heiß!

„Cricklewood Green“ zeigt Ten Years After 1970 auf der Höhe ihrer Kunst – und bekommt jetzt eine Deluxe-Behandlung spendiert

Es gibt Alben, bei denen man sich fragt, warum eigentlich schon wieder jemand eine Neuauflage davon braucht. Und es gibt „Cricklewood Green“. Das Album von Ten Years After gehört ziemlich eindeutig in die zweite Kategorie. 1970 erschienen, ein Jahr nach dem legendären Woodstock-Auftritt der Briten, zeigt die Platte eine Band, die längst keine Lust mehr hatte, nur die nächste flotte Bluesrock-Nummer abzuliefern.

Alvin Lee und seine Mitstreiter waren nach Woodstock auf dem Höhepunkt ihrer Bekanntheit. Was man „Cricklewood Green“ aber besonders deutlich anhört: Sie wollten diesen Erfolg nicht einfach verwalten. Stattdessen wird der Bluesrock ordentlich auseinandergenommen und mit Psychedelia, Boogie, härteren Rockpassagen und ersten progressiven Ausflügen wieder zusammengeschraubt.

Schon „Sugar The Road“ macht klar, wohin die Reise geht. Und spätestens bei „50,000 Miles Beneath My Brain“ darf man sich fragen, ob damals eigentlich irgendjemand eine Stoppuhr besessen hat. Der Song nimmt sich seine Zeit und nutzt sie auch. Das ist keine Musik für Leute, die nach 30 Sekunden wissen müssen, wo der Refrain bleibt.

Natürlich darf der große Hit nicht fehlen: „Love Like a Man“. Der Song wurde im Juni 1970 zum Top-Ten-Hit in Großbritannien und gehört bis heute zu den bekanntesten Stücken von Ten Years After.

Im Zentrum steht natürlich Alvin Lees Gitarre. Schnell, präzise und mit genügend Feuer, um auch heute noch ziemlich deutlich zu machen, warum Ten Years After damals neben Led Zeppelin, Fleetwood Mac oder Rory Gallaghers Taste zu den aufregendsten britischen Bluesrock-Bands gehörten. Bassist Leo Lyons, Schlagzeuger Ric Lee und Organist Chick Churchill liefern dabei das Fundament, auf dem Lee seine Finger akrobatisch beschäftigen darf.

Die jetzt erscheinende Deluxe Edition wurde in den Air Studios neu gemastert. Dazu gibt es mit „Cricklewood Jam“ eine bislang unveröffentlichte Instrumental-Demo aus den Albumsessions. Der eigentliche Schatz für Live-Fans dürfte allerdings die zweite CD sein: Aufnahmen des zweiten Sets vom 27. Februar 1970 aus dem New Yorker Fillmore East. Und wenn man wissen möchte, warum Ten Years After damals nicht nur eine gute Studioband waren, liefert die elfminütige Vollversion von „I’m Going Home“ die ziemlich eindeutige Antwort.

Neue Liner Notes und bislang unveröffentlichte Fotos aus dem Bandarchiv runden die Neuauflage ab.

„Cricklewood Green“ ist damit nicht bloß ein weiterer Versuch, einen Klassiker noch einmal zu verkaufen. Die Platte erinnert daran, dass Ten Years After nach Woodstock keineswegs auf Autopilot geschaltet hatten. Im Gegenteil: Sie waren gerade erst richtig in Fahrt gekommen.

Und Alvin Lee? Der durfte weiterhin schneller Gitarre spielen, als der Rest der Welt „Woodstock“ sagen konnte.

Text: Dennis Kresse

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