Unsterblich? Na, dann mal los, David Garrett!

Es gibt Alben, die heißen „Greatest Hits“, „Best Of“ oder, wenn es besonders ambitioniert werden soll, „Legacy“. Und dann gibt es David Garrett. Der nennt sein neues Album „Immortal“ – unsterblich. Man muss sich das erst einmal trauen.

Da sitzt also ein Mann mit Geige und beantwortet die vermutlich größenwahnsinnigste Frage der Menschheitsgeschichte: Was bleibt von uns, wenn wir längst nicht mehr da sind? Garrett hat darauf eine erstaunlich vernünftige Antwort: Musik.

Das ist schön. Und ein bisschen pathetisch. Aber Garrett ist eben nicht angetreten, um sich im musikalischen Understatement ein Zimmer zu mieten.

„Immortal“ ist ein Streifzug durch mehr als drei Jahrhunderte Musikgeschichte. Mozart, Bach, Brahms, Tschaikowsky, Mendelssohn, Debussy, Sibelius – und John Williams. Also Komponisten, bei denen man beim Nennen des Nachnamens schon das Gefühl bekommt, man müsse sich etwas gerader hinsetzen.

Garrett macht allerdings nicht den Fehler, diese Herren wie Museumsstücke zu behandeln. Er nimmt die Werke auseinander, schaut hinein und baut sie neu zusammen. Klassik wird hier nicht konserviert, sondern auf Garrett-Art ins Heute geholt.

Das kann man mögen. Eigentlich muss man es sogar mögen, wenn man dieses Album verstehen will.

Denn David Garrett ist kein Geiger für musikalische Sicherheitsabstände. Er liebt die große Geste, den satten Klang und das Drama. Wenn eine Melodie einen roten Teppich verdient, rollt Garrett vermutlich noch einen zweiten aus.

Das macht „Immortal“ zugänglich – und manchmal auch ziemlich groß. Als Vorbote erschien Puccinis „Nessun Dorma“. Eine kluge Wahl: längst Opernarie, Gänsehautmaschine und musikalisches Allgemeingut zugleich. Garrett muss hier nicht erklären, warum klassische Musik Menschen erreichen kann. Er muss nur den richtigen Ton treffen.

Und natürlich trifft er ihn.

Besonders bemerkenswert: Garrett hat sämtliche Arrangements selbst erstellt, unterstützt von Franck van der Heijden und John Haywood. Gemeinsam mit dem Orchester The Prezent und Pianist Julien Quentin entsteht ein Klangbild, das weniger nach „Geiger mit Begleitung“ und mehr nach großem musikalischem Panorama klingt.

Nach „Millennium Symphony“ ist „Immortal“ zugleich Garretts Rückkehr zur Klassik und die logische Fortsetzung von „Iconic“.

Und dann ist da dieser Titel.

„Immortal“.

Man kann darüber lächeln. Oder sich darauf einlassen. Denn Garrett behauptet nicht wirklich, er sei unsterblich. Er setzt auf die Musik.

Und damit liegt er ziemlich richtig.

Mozart ist noch da. Bach auch. Brahms sowieso. Und John Williams dürfte selbst dann noch irgendwo eine Fanfare komponieren, wenn wir anderen längst unsere Passwörter an die Nachwelt übergeben.

Vielleicht ist Unsterblichkeit also gar nicht ewiges Leben.

Vielleicht reicht ein einziger Ton, der Jahrhunderte später gespielt wird – und plötzlich ist man wieder da.

Garrett versucht genau das.

Ziemlich selbstbewusst.

Aber ziemlich überzeugend.

Text: Dennis Kresse

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