Bonn, Mittwochabend. Im Pantheon sitzen Menschen, die freiwillig gekommen sind, um sich von einem Mann am Klavier erklären zu lassen, warum das Leben gleichzeitig eine Zumutung und ziemlich komisch ist. Das klingt zunächst nach einer schlechten Geschäftsidee. Ist es aber nicht.
William Wahl betritt die Bühne, setzt sich ans Klavier – und hat das Publikum eigentlich schon auf seiner Seite, bevor der erste Ton überhaupt richtig verklungen ist. Dann beginnt „wahlweise“, sein drittes Soloprogramm, und schnell wird klar: Hier gibt es keinen klassischen Kabarettisten, der zwischen zwei Pointen ein bisschen Musik macht. Hier sitzt einer, der seine Pointen musikalisch komponiert.
Wahl ist ein Wortakrobat. Einer, der offenbar auch dann noch einen Reim findet, wenn andere längst Google Maps brauchen. Seine Lieder sind präzise, böse, manchmal überraschend zärtlich – und vor allem verdammt gut gebaut. Da wird über Liebe, Alltag, menschliche Schwächen und den ganz normalen Irrsinn des Zusammenlebens gesungen. Also über das, worüber man eigentlich ständig reden könnte, wenn man nicht gerade damit beschäftigt wäre, es falsch zu machen.
Das Schöne an William Wahl: Er haut nicht einfach mit der Pointe auf den Tisch. Er lässt sie erst ein bisschen stehen. Man lacht – und merkt eine Sekunde später, dass man eigentlich gerade über sich selbst gelacht hat. Das ist unangenehm. Und ziemlich wunderbar.
Musikalisch ist das ohnehin eine Klasse für sich. Wahl sitzt am Klavier und behandelt die Tasten nicht wie eine Begleitmaschine, sondern wie einen zweiten Gesprächspartner. Mal klingt es nach Chanson, mal nach Pop, mal nach großer musikalischer Geste – und dann kommt irgendwo ein Satz um die Ecke, der alles wieder auf die Größe eines ziemlich schrägen Mittwochabends herunterbricht.
Überhaupt diese Mischung aus Poesie und Gemeinheit: William Wahl kann einen Gedanken liebevoll streicheln und ihm im nächsten Moment mit einem Nebensatz die Kniescheibe wegtreten.
Besonders schön ist, dass seine Texte trotz aller Schärfe nicht zynisch werden. Wahl beobachtet den Menschen genau, aber er verachtet ihn nicht. Das ist ein entscheidender Unterschied. Selbst wenn er über Liebe, Beziehungen und deren gelegentliche Neigung zum Totalschaden singt, bleibt da immer dieses kleine Leuchten: Vielleicht kriegen wir es ja doch noch hin.
Oder wenigstens bis zur Pause.
Das Publikum im Pantheon jedenfalls lässt sich bereitwillig darauf ein. Gelacht wird viel, aber nicht pausenlos. Und genau das macht den Abend so angenehm. Zwischen den Lachern gibt es diese stilleren Momente, in denen man merkt, dass hier nicht nur ein Unterhalter am Werk ist. Wahl kann plötzlich vom Kalauer ins Melancholische kippen, ohne dass es gekünstelt wirkt. Eben noch sitzt man grinsend da, dann ist es für einen Moment erstaunlich ruhig.
Und anschließend kommt wieder ein Satz, bei dem man sich fragt, warum einem das nicht selbst eingefallen ist.
Das Pantheon ist dafür ohnehin der richtige Ort. Nicht die große Arena, in der eine Pointe erst durch Lautsprecher und Videowände zum Publikum transportiert werden muss. Sondern ein Raum, in dem ein Mann, ein Klavier und ein paar tausend Gedanken völlig ausreichen.
Am Ende bleibt deshalb vor allem der Eindruck eines Künstlers, der ziemlich genau weiß, was er tut – und zum Glück nicht so wirkt, als wolle er uns das ständig beweisen.
William Wahl macht Musik-Kabarett für Menschen, die gerne lachen, aber danach auch noch einen Gedanken mit nach Hause nehmen. Und manchmal sogar einen zweiten.
„Wahlweise“ ist damit vieles: Konzert, Kabarett, Chansonabend und kleine philosophische Sitzung über die Frage, warum wir Menschen eigentlich so sind, wie wir sind.
Eine endgültige Antwort gibt es natürlich nicht.
Aber immerhin gab es im Pantheon sehr gute Musik dazu.
Und das ist ja auch schon mal was.
Text: Dennis Kresse
Credits: Harald Kirsch (Pantheon)