Sienna Spiro – *Visitor* Viel Gefühl, viel Stimme!

Der Hype um Sienna Spiro kommt nicht von ungefähr. Die Londoner Sängerin verfügt über eine Stimme, die sofort Aufmerksamkeit erzeugt: kraftvoll, soulgetränkt und erstaunlich reif für eine Künstlerin, die gerade erst ihr Debütalbum veröffentlicht. *Visitor* will mehr sein als eine bloße Sammlung von Popsongs – es versteht sich als Konzeptalbum über Vergänglichkeit, Verlust und die Angst vor dem Abschied. Große Themen also.

Musikalisch bewegt sich Spiro zwischen modernem Soul, orchestralen Pop-Arrangements und einer Prise R&B. Alles klingt edel produziert, was angesichts der namhaften Produzenten und Studios kaum überrascht. Streicher, Klavier und zurückhaltende Beats schaffen eine elegante Klangkulisse, die ihrer Stimme reichlich Raum gibt. Genau dort liegt die größte Stärke des Albums.

Allerdings ist Perfektion nicht immer gleichbedeutend mit Spannung. *Visitor* wirkt stellenweise fast zu geschniegelt. Die Songs fließen angenehm ineinander, hinterlassen aber erstaunlich wenige Momente, die nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Vieles klingt hochwertig, manches sogar beeindruckend – wirklich überraschend wird es jedoch selten.

Auch textlich setzt Sienna Spiro konsequent auf Introspektion. Ihre Gedanken über Vergänglichkeit und emotionale Unsicherheit wirken ehrlich und nachvollziehbar. Gleichzeitig kreisen viele Stücke um ähnliche Stimmungen, sodass dem Album über die gesamte Spielzeit etwas Abwechslung fehlt. Weniger Melancholie und etwas mehr Mut zum musikalischen Risiko hätten *Visitor* gutgetan.

Das schmälert die Qualitäten der jungen Britin allerdings nicht grundsätzlich. Wer gefühlvollen Soul-Pop mit großer Stimme und cineastischer Produktion schätzt, wird hier einiges entdecken. Nur der ganz große Aha-Moment, der ein Debütalbum aus der Masse heraushebt, bleibt noch aus.

*Visitor* ist deshalb weniger die Ankunft einer neuen Ausnahmeerscheinung als vielmehr das Versprechen auf eine spannende Zukunft. Das Talent ist unüberhörbar – jetzt dürfen die Songs beim nächsten Mal gerne noch etwas mehr Ecken und Kanten bekommen.

Text: Dennis Kresse

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