Live-Alben sind eine schwierige Angelegenheit. Entweder sie klingen nach „Wir waren dabei!“ oder nach „Schade, dass wir nicht dabei waren“. Pulp umgehen dieses Problem ziemlich elegant. „Live!“ ist kein akustisches Fotoalbum eines vergangenen Abends, sondern ein ziemlich lebendiger Beweis dafür, dass diese Band auch Jahrzehnte nach ihrem großen Britpop-Moment noch etwas besitzt, das man nicht im Backkatalog archivieren kann: Präsenz.
Das liegt natürlich an den Songs. Pulp haben nie besonders gut in die Kategorie „nett gealtert“ gepasst. Ihre besten Stücke sind kleine Gesellschaftsdramen über Begehren, Einsamkeit, Klassenzugehörigkeit, Peinlichkeiten und die erstaunlich komplizierte Angelegenheit namens Mensch. Live bekommen diese Geschichten noch einmal eine andere Fallhöhe.
Jarvis Cocker muss dafür gar nicht den großen Rockstar geben. Er bleibt der elegante Sonderling im Anzug, der seine Beobachtungen mit einer Mischung aus Understatement und leichtem Größenwahnsinn unters Volk bringt. Dazu eine Band, die nicht versucht, die Neunziger möglichst originalgetreu nachzubauen. Die Stücke dürfen atmen, wachsen und gelegentlich auch ordentlich lospoltern.
Besonders schön ist, dass „Live“ nicht wie ein nachträglich angeklebtes Kapitel wirkt. Die neuen Songs stehen neben Klassikern wie „Common People“ oder „Disco 2000“, als hätten sie schon länger auf ihre Bühnenreife gewartet. Das ist bei einer Band mit dieser Vergangenheit keineswegs selbstverständlich.
Natürlich ersetzt „Live!“ kein echtes Pulp-Konzert. Schweiß, Lautstärke und das Gefühl, dass Jarvis Cocker gleich aus dem Bühnenbild spaziert, lassen sich nur bedingt auf zwei Scheiben pressen. Aber dieses Album kommt dem Erlebnis erstaunlich nahe.
Pulp spielen hier nicht ihre Vergangenheit nach. Sie nehmen sie mit.
Und genau deshalb klingt „Live!“ nicht nach Rückblick, sondern nach Gegenwart. Scheint, als hätten die Common People noch einiges zu erzählen.
Text: Dennis Kresse
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