Kersty Grether / Sandra Grether – »Godmother of Punk«
Patti Smith war nie besonders gut darin, sich an das zu halten, was man von einer Frau auf einer Bühne, in einem Gedichtband oder überhaupt im Leben erwartet. Zum Glück. Sie kam mit Gedichten im Gepäck, schwarzem Kaffee im Blut und einer Gitarre, die offenbar nicht wusste, dass Rock ’n’ Roll gefälligst drei Akkorde und ein Macho-Image braucht. Stattdessen machte Smith aus Punk Literatur, aus Literatur Widerstand und aus Widerstand eine ziemlich elegante Form von Freiheit.
»100 Seiten« versucht nun, dieser Frau auf die Spur zu kommen. Und das ist ungefähr so einfach, wie einen Blitz zu interviewen.
Kersty und Sandra Grether nähern sich Patti Smith mit großer Sachkenntnis, aber eben nicht mit jener ehrfürchtigen Biografenhaltung, bei der irgendwann jeder verstorbene oder lebende Künstler zum Denkmal erstarrt. Smith bleibt hier Mensch: widersprüchlich, politisch, verletzlich, radikal, manchmal unbequem – und gerade deshalb interessant.
Denn Patti Smith war nie nur die »Godmother of Punk«. Der Begriff ist praktisch, aber eigentlich viel zu klein. Sie steht für die Aufhebung sämtlicher Grenzen, die die Kulturindustrie so gerne sauber voneinander trennt: Rock und Lyrik, Kunst und Alltag, Armut und Ruhm, Wut und Zärtlichkeit, Leben und Tod. Wo andere Genreschilder aufhängen, reißt Smith die Wand ein.
Das Buch macht daraus kein Heldenepos, sondern ein Porträt einer Künstlerin, deren Einfluss kaum zu überschätzen ist. Smith zeigte Generationen von Musikern, dass man auf einer Bühne nicht unbedingt geschniegelt aussehen, virtuos posieren oder irgendeine vermeintliche Coolness bedienen muss. Man darf denken. Man darf zweifeln. Man darf Gedichte vortragen. Man darf politisch sein. Und man darf dabei verdammt laut werden.
Das Faszinierende an »100 Seiten« ist deshalb weniger die Frage, was Patti Smith alles gemacht hat. Spannender ist, warum sie es gemacht hat. Was treibt eine Künstlerin an, die sich gleichermaßen auf Rimbaud, Rock ’n’ Roll, politische Utopien und die ganz persönlichen Verluste des Lebens beruft? Warum bleibt sie sich treu, obwohl sich die Welt um sie herum mehrfach komplett neu sortiert hat?
Die Grether-Schwestern liefern darauf keine billige Gebrauchsanweisung. Sie versuchen vielmehr, Smiths Blick auf die Welt nachvollziehbar zu machen. Und genau da wird das Buch politisch, ohne zur politischen Gebrauchsanweisung zu verkommen.
»People Have the Power« ist bei Patti Smith schließlich kein hübscher Kalenderspruch. Es ist ein Programm. Die Überzeugung, dass Kunst etwas verändern kann, dass Menschen mehr sind als Konsumenten und dass Widerstand nicht zwingend mit einer Megafonstimme daherkommen muss. Manchmal reicht ein Gedicht. Manchmal ein Lied. Manchmal eine Frau, die sich weigert, so zu sein, wie man sie gerne hätte.
»100 Seiten« ist deshalb vor allem eine Einladung, Patti Smith nicht als nostalgische Ikone einer untergegangenen Punkzeit abzuhaken. Sie ist keine Reliquie. Sie ist immer noch eine Zumutung. Und das ist vermutlich das schönste Kompliment, das man einer Künstlerin machen kann.
Ein kluges, kenntnisreiches und energiegeladenes Buch über eine Frau, die gezeigt hat, dass Rock ’n’ Roll durchaus etwas mit Denken zu tun haben darf. Und dass Menschen tatsächlich die Macht haben – vorausgesetzt, sie kommen irgendwann auf die Idee, sie auch zu benutzen.
Text: Dennis Kresse
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