Esther Kaiser – »Breathing«
Atem. Klingt erst einmal nach einem ziemlich großen Thema. Nach Räucherstäbchen, Yoga-Kurs und jener Sorte Album, bei der man schon nach drei Minuten das Bedürfnis bekommt, sehr bewusst ein- und auszuatmen. Esther Kaiser hat sich zum Glück für die andere Variante entschieden. Sie macht aus dem Atem kein esoterisches Wellnessprogramm, sondern etwas ziemlich Konkretes: Leben, Angst, Wut, Verletzlichkeit, Widerstand – und natürlich Gesang.
»Breathing« ist das neunte Album der Dresdner Jazzsängerin und Professorin für Jazzgesang. Und es ist eines dieser Alben, bei denen das Konzept tatsächlich etwas mit der Musik zu tun hat. Atmen ist hier nicht bloß das hübsche Wort auf dem Cover. Es ist das Material, aus dem Kaiser ihre Musik baut. Luft wird Klang, Klang wird Stimmung, Stimmung wird Haltung.
Das funktioniert vor allem deshalb so gut, weil Kaiser ihre Botschaften nicht mit dem Vorschlaghammer serviert. Sie kann leise. Sie kann zart. Und sie kann ziemlich deutlich werden. Wenn sie in »The Girl Who Is Still Standing« an Jina Mahsa Amini erinnert, die 2022 nach Polizeigewalt im Iran starb, wird aus dem schönen Thema Atem plötzlich ein politisches. Und aus Jazz wird Haltung. Ohne Pathosgewitter, ohne erhobenen Zeigefinger.
Musikalisch hat Kaiser dafür ein bemerkenswert schlankes Besteck zusammengestellt: Bassistin Athena Kontou und Pianist Alexander Wienand liefern den rhythmischen Unterbau, Tilmann Dehnhard legt mit seiner Flöte immer wieder Luft unter und um Kaisers Stimme. Schlagzeug gibt es nicht. Was auf dem Papier nach gepflegtem Kammerjazz klingt, entwickelt trotzdem erstaunlich viel Groove. Man muss eben nicht auf jedes Problem einen Schlagzeuger setzen.
Überhaupt ist diese Reduktion eine der großen Stärken von »Breathing«. Die Musik hat Platz. Sie muss nicht permanent beweisen, wie jazzig sie ist. Kaiser lässt Töne stehen, lässt Linien schweben und gibt den Songs Raum zum Atmen. Welch Überraschung bei einem Album, das genau davon handelt.
Dabei geht es keineswegs nur um die Innenwelt einer Sängerin. Nach »Water« ist nun die Luft an der Reihe – und damit auch das, was zwischen Innen und Außen passiert. Persönliche Erfahrungen treffen auf politische Realität, Klimakrise auf Körpergefühl, äußere Ereignisse auf innere Reaktionen. Das könnte schnell nach Seminarraum klingen. Tut es aber erstaunlich selten.
Denn Kaiser besitzt eine Fähigkeit, die im Jazz nicht selbstverständlich ist: Sie kann Bedeutung zulassen, ohne die Musik darunter zu begraben. Ihre neun Songs wollen etwas sagen, aber sie tragen ihre Botschaft nicht wie ein Protestplakat vor sich her. Selbst schwere Themen bekommen eine gewisse Leichtigkeit. Nicht, weil sie leicht wären, sondern weil Kaiser ihnen musikalisch vertraut.
Und genau da liegt vielleicht die eigentliche Qualität dieses Albums. »Breathing« will nicht beeindrucken. Es will auch nicht besonders wichtig aussehen. Es atmet einfach. Mal ruhig, mal kräftig, mal ziemlich unbequem. Und manchmal ist das schon eine ganze Menge.
Ein Album mit Haltung, Luft und erstaunlich viel Groove. Esther Kaiser zeigt, dass man über die großen Dinge des Lebens reden kann, ohne gleich großspurig zu werden. Und dass ein bisschen weniger musikalischer Ballast einer ziemlich guten Stimme manchmal verdammt gut steht.
Text: Dennis Kresse
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