Tribute-Alben haben ein Problem: Oft sind sie nett gemeint, aber selten wirklich notwendig. Die Songs werden nachgespielt, prominente Namen schmücken das Cover und am Ende greift man doch wieder zum Original. **„26/70 – Die Songs von Stoppok“** beweist erfreulicherweise, dass es auch anders geht.
Zum 70. Geburtstag des Ausnahme-Songwriters versammeln sich 18 Künstlerinnen und Künstler, um sein Werk neu zu beleuchten. Mit dabei sind große Namen wie **BAP**, **Brings**, **Fury in the Slaughterhouse** oder **Jan Plewka**, aber auch spannende Stimmen wie **Alin Coen**, **Ami Warning**, **Miss Allie**, **Phil Siemers**, **Lina Maly**, **TOKUNBO**, **Simon & Jan**, **Pohlmann**, **Desiree Klaeukens**, **Fortuna Ehrenfeld**, **Östro 430**, **JOCO**, **17 Hippies**, **Martin Kälberer**, **Ringlstetter**, **Werner Schmidbauer** und **Sourendro-Soumyojit**.
Was dieses Album so besonders macht: Niemand versucht, Stoppok zu kopieren. Stattdessen werden seine Lieder mit Respekt und einer eigenen musikalischen Handschrift neu erzählt. Genau dadurch wird deutlich, wie außergewöhnlich diese Songs eigentlich sind. Sie funktionieren als Rocksong ebenso überzeugend wie als Folk-Ballade, als reduzierte Akustiknummer oder in völlig neuen musikalischen Gewändern. Das gelingt nur Kompositionen, die Substanz besitzen.
Frank Goosen bezeichnete Stoppok einmal als eine „echte Fresse“ aus dem Ruhrgebiet – einen Geschichtenerzähler, der zwischen lakonischem Humor, feiner Beobachtung und leiser Melancholie pendelt, ohne jemals kitschig zu werden. Genau dieses Spannungsfeld zieht sich durch das gesamte Album. Mal wird geschmunzelt, mal nachgedacht, mal bleibt am Ende einfach nur ein Kloß im Hals.
Zu den schönsten Momenten gehört TOKUNBOs Interpretation von **„Leise“**. Mit ihrer warmen, fast schwebenden Stimme macht sie aus der ohnehin schon berührenden Vorlage eine intime Momentaufnahme voller Sehnsucht und Hoffnung. Auch Alin Coen, Phil Siemers oder Ami Warning verleihen den Liedern neue Farben, ohne ihren Kern zu verlieren. Andere Beiträge gehen mutiger vor, bleiben aber stets respektvoll gegenüber dem Original.
Gerade diese stilistische Vielfalt macht **„26/70“** zu weit mehr als einer nostalgischen Geburtstagsplatte. Das Album zeigt eindrucksvoll, wie zeitlos Stoppoks Texte sind. Seine Geschichten handeln von Menschen mit Ecken und Kanten, vom Scheitern, von Liebe, Alltag und dem manchmal etwas schrägen Blick auf die Welt. Themen, die heute genauso relevant sind wie vor dreißig Jahren.
Wer Stoppok kennt, entdeckt vertraute Songs aus neuen Blickwinkeln. Wer ihn bisher nicht auf dem Schirm hatte, bekommt eine hervorragende Einladung, sich endlich intensiver mit einem der unterschätztesten Songwriter Deutschlands zu beschäftigen.
** Statt einer musealen Verbeugung ist **„26/70“** eine lebendige Hommage geworden. Ein Album, das den Künstler feiert, ohne ihn auf ein Podest zu stellen – und eines, das vor allem eines beweist: Gute Songs altern nicht. Sie finden immer wieder neue Stimmen.
Text: Dennis Kresse
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