Als Laibach gestern Abend die Bühne betraten, war sofort klar, dass dieser Auftritt weit mehr werden würde als ein gewöhnliches Konzert. Die slowenische Kunst- und Musikinstitution präsentierte sich in Köln als audiovisuelle Machtmaschine zwischen dystopischem Pop, totalitärer Ästhetik und bitterböser Gegenwartsanalyse – kühl, präzise und zugleich erstaunlich eingängig.
Im Mittelpunkt stand naturgemäß das kommende Album „MUSICK“, das am 1. Mai über Mute Records erscheint. Dabei zeigte sich schnell, dass Laibach den Begriff „Pop“ mittlerweile nicht mehr ironisch streifen, sondern bewusst als Waffe einsetzen. Songs wie „Allgorhythm“ wirkten live wie ein gigantischer Stromstoß aus ESC-Eurodance, martialischer Elektronik und grotesk überzeichneter KI-Ästhetik. Die dazu flimmernden Projektionen aus digitalen Fratzen, Überwachungssymbolik und künstlich erzeugten Bildern machten den Song zu einer verstörend treffenden Hymne auf eine Welt, die längst von Algorithmen gesteuert wird.
Gerade darin lag die große Stärke des Abends: Laibach gelang es, die Mechanismen moderner Reizüberflutung musikalisch erfahrbar zu machen. Die neuen Stücke wirkten bewusst überladen, hektisch, beinahe aggressiv konsumierbar – exakt jene „Sickness“, von der das Album spricht. Gleichzeitig entwickelte der Sound in der Essigfabrik eine eigentümliche Sogwirkung. Der Bass war körperlich spürbar, die Beats peitschten durch die Halle, während Milan Fras mit seiner unverwechselbaren Stimme irgendwo zwischen Diktator, Nachrichtensprecher und nihilistischem Crooner agierte.
Besonders eindrucksvoll geriet das Titelstück „Musick“. Auf Platte bereits eine düstere Reflexion über die Abhängigkeit von Musik und Medien, entfaltete der Song live eine fast sakrale Wucht. Die monumentalen Synthflächen und das stoische Auftreten der Band erzeugten eine Atmosphäre, die gleichzeitig bedrohlich und hypnotisch wirkte. Die Essigfabrik verwandelte sich dabei zeitweise in einen kalten futuristischen Ritualraum.
Doch trotz aller Schwere blitzte immer wieder Humor auf – allerdings jener typisch trockene Laibach-Humor, der nie eindeutig erkennen lässt, wo Satire endet und Ernst beginnt. Genau diese permanente Irritation machte den Abend so faszinierend. Die Band hielt dem Publikum einen Spiegel vor: unsere Abhängigkeit von digitalen Systemen, unsere Sehnsucht nach Unterhaltung, unsere freiwillige Unterwerfung unter Algorithmen und Dauerbeschallung.
Das Kölner Publikum ließ sich bereitwillig auf dieses Spiel ein. Zwischen stoischem Kopfnicken, ekstatischem Tanz und ehrfürchtigem Staunen entstand eine ungewöhnliche Dynamik, wie man sie bei Industrial-Konzerten selten erlebt. Denn Laibach schaffen mittlerweile etwas Bemerkenswertes: Sie verbinden intellektuelle Konzeptkunst mit einer fast perversen Eingängigkeit.

Visuell blieb die Band ebenfalls ihrer Linie treu. Strenge Projektionen, monochrome Bildwelten und eine bewusst kontrollierte Bühnenpräsenz sorgten dafür, dass jeder Song wie ein eigener Propagandafilm wirkte. Gerade in der Essigfabrik mit ihrer rohen Industriearchitektur funktionierte diese Ästhetik perfekt.
Am Ende hinterließ der Abend ein Gefühl zwischen Euphorie und Erschöpfung – vermutlich genau jener Zustand, den „MUSICK“ beschreiben will. Laibach zeigten in Köln eindrucksvoll, dass sie auch Jahrzehnte nach ihrer Gründung nichts von ihrer Relevanz verloren haben. Im Gegenteil: In einer Zeit künstlicher Intelligenz, digitaler Manipulation und permanenter Reizüberflutung wirken ihre künstlerischen Provokationen aktueller denn je.
Setlist -Laibach-Essigfabrik, Köln (20.05.2026)
01. Intro Music Jam
02. Musick
03. Musick Pt2
04. Fluid Emancipation
05. Love Machine
06. Love on the Beat (Serge Gainsbourg cover)
07. Resistencia
08. Keep it Reel
09. #Us
10. Allgorhythm
11. Laibach Medley
12. Luigi Mangione
13. Modern Talking
14. Bossanova
15. Yes Maybe No
16. Singularity
17. Das göttliche Kind
18. Make your own Kind of Music
19. Faith no More
20. Musick remix
Text: Dennis Kresse
Credits: Harald Rötter