Kanaan – Wenn die Riffs Erdbeben auslösen

Zehn Jahre Bandgeschichte, zehn Alben und offenbar noch lange kein Grund, den Fuß vom Verzerrer zu nehmen: Das norwegische Psych-Rock-Trio Kanaan meldet sich pünktlich zum zehnjährigen Bestehen mit seinem zehnten Studioalbum zurück. Der Titel? Ganz bescheiden: „Kanaan“. Understatement geht schließlich auch im musikalischen Erdbebengebiet. Denn die Band kündigt selbstbewusst an: „With Kanaan, we’re approaching earthquake territory.“ Große Worte, die allerdings nicht ganz ohne musikalische Grundlage daherkommen.

Kanaan haben in einem Jahrzehnt einen ziemlich eigenständigen Klangkosmos erschaffen, in dem psychedelische Ausflüge, krautrockige Experimente und eine ordentliche Portion Retro-Rock bestens miteinander harmonieren. Auf dem neuen Album wird dieses Fundament keineswegs eingerissen, sondern kräftig erweitert. Die melodischen Passagen treten eingängiger hervor, die psychedelischen Momente geraten wilder und unberechenbarer, während die analog eingefärbten Klänge angenehm ungeschliffen aus den Lautsprechern kriechen. Und die Riffs? Die haben offenbar sämtliche Fitnessstudios dieser Welt besucht. Fett, schwer und mit ordentlich Druck auf dem Kessel.

Dabei ist „Kanaan“ keineswegs nur eine Leistungsschau dreier Musiker, die nach zehn Jahren noch einmal beweisen wollen, wie laut man Gitarren aufdrehen kann. Vielmehr versteht sich das Album als musikalische Bestandsaufnahme einer Band, die gemeinsam gewachsen ist, ohne ihre Neugier zu verlieren. Die Freundschaft und das blinde Verständnis der drei Musiker bilden dabei ein hörbares Fundament.

Entstanden ist das Material im Athletic Sound im norwegischen Halden. Die Aufnahmen mit Toningenieur Dag Erik Johansen entwickelten sich offenbar zu einer Art musikalischem Schwarzen Loch, in dem Tag und Nacht nur noch die Band und ihre Musik existierten. Jammen, ausprobieren, komponieren und sich vollständig im eigenen Klang verlieren – schöner kann man kreativen Kontrollverlust kaum beschreiben.

Kanaan liefern ein Album, das seine Wurzeln kennt, aber keineswegs auf ihnen sitzen bleibt. Psychedelisch, schwer, verspielt und angenehm kompromisslos. Wer auf handgemachten Rock mit Ecken, Kanten und ordentlich Fuzz steht, sollte hier unbedingt genauer hinhören. Ein Erdbeben ist vielleicht nicht garantiert, aber die Lautsprecher dürften ordentlich ins Schwitzen kommen.

Text: Dennis Kresse