Sechs Jahre Funkstille – war das eher kreative Pause, Lebensphase oder einfach: „Wir müssen mal kurz raus hier“?
Sechs Jahre lang war es ruhig um Abramowicz – zumindest nach außen. Hinter den Kulissen wurde weitergeschrieben, verworfen, neu gedacht. Mit der neuen Single „Money Takes“ und dem kommenden Album melden sie sich jetzt zurück – nicht als klassische Rückkehrer, sondern als Band, die sich Zeit genommen hat, um sich neu zu sortieren. Wir haben mit Nico über Veränderung, Druck und den Sound einer Band gesprochen, die sich selbst wiedergefunden hat.
— Die Wahrheit ist, das wir immer Musik gemacht und geschrieben haben. Weg waren wir also nie wirklich. Aber die Corona Pandemie – wir waren auf Tour als es in den Lockdown ging – hat für uns als Einzelpersonen neue Realitäten geschaffen und wir haben in den letzten Jahren weniger Konzerte gespielt. Für die neue Platte haben wir uns bewusst viel Zeit genommen, ganz viel Neues ausprobiert und versucht und so wenig Druck wie möglich zu machen. „Joy of missing out“ quasi als Recording-Philosophie. Angesichts vieler lieber Nachrichten zur Ankündigung freuen wir uns umso mehr, dass wir jetzt endlich wieder veröffentlichen. —
„Money Takes“ klingt größer, weiter, fast schon epischer – wann war klar: Wir drehen jetzt am Heartland-Rock-Regler?
— Der wurde bei uns ja immer schon auf und ab gedreht, haha. Als wir das Lied 2021 geschrieben haben war da gedanklich immer ein Synthie, der die Melodie im Chorus spielt. Ein Lied fürs Stadion, auch wenn er nie ein Stadion von innen sehen wird. Mit Money Takes haben wir eine neue Perspektive in unser Songwriting gebracht: Wir wollten jedem Song den Sound geben den er braucht anstatt darauf zu achten, dass wir an einem Gesamtkonzept arbeiten. —
Neue Besetzung, neuer Sound: Wie sehr hat die sechsköpfige Band euren Stil tatsächlich verändert?
— Ja, Nico ist jetzt fester Teil von Abramowicz. Er begleitet die Band aber eigentlich seit den Anfangsjahren, ist immer mal wieder eingesprungen und hat an fast jedem Instrument Konzerte mit uns gespielt. Mit Nico und Max Scharff haben wir das Album bei uns im Proberaum auf St. Pauli aufgenommen. Da Nico ein echter Multiinstrumentalist ist und es sich super anfühlt das Mehr an Instrumenten und Sounds auch live umzusetzen sind wir super froh darüber, dass Nico von der Geheimwaffe zum festen Mitglied geworden ist. —
Synths, Bläser, Streicher – klingt nach Ausbau statt Abriss. Gab es trotzdem Momente, wo ihr dachtet: „Jetzt wird’s zu viel“?
— Ja! Definitiv. Wenn man einen Song mit 96 Spuren aufnimmt und der Computer beim abspielen streikt, dann hat man irgendwo übertrieben und müsste eigentlich reduzieren. Dafür haben wir uns manchmal auch entschieden. —
Der DIY-Vibe im Video wirkt bewusst roh. Ist das eine Rückbesinnung oder einfach die ehrlichste Art, euch zu zeigen?
— Wir wollten beim ersten Release vor allem auch den Schreib- und Aufnahmeprozess, der sich über Jahre gezogen hat zeigen. Sicherlich spielt dabei auch Stolz eine Rolle, weil wir uns immer wieder die Sinnfrage gestellt haben und häufig ans „Aufgeben“ dachten. Bei den Videos konnten wir auf unseren Freund Marc Huth und – wie bei allen kreativen Themen – Max Scharff, der das Album auch produziert hat, zurückgreifen. Die beiden mussten gut was aushalten und dafür sind wir sehr dankbar. —
Sörens Stimme bleibt der Fixpunkt – wie wichtig war es euch, trotz Veränderung genau dieses Markenzeichen zu behalten?
— Natürlich ist Sörens Stimme der Wiedererkennungswert der Band. Und innerhalb von 6 Jahren verändert sich eine Stimme ja auch nicht großartig. Aber Sören singt jetzt anders, erwachsener und auch mal ruhiger wenn der Song das braucht. Wir finden, dass das ein echter Gewinn ist. —
Zwischen The Gaslight Anthem und norddeutscher Melancholie wurdet ihr oft verortet – fühlt sich das noch passend an?
— Ja, den Vergleich haben wir schon sehr oft gehört und gelesen. Würden wir in Freiburg wohnen, wäre es wohl die süddeutsche Antwort auf den New Jersey Sound. Heartland Rock, Americana usw. haben uns definitiv geprägt, aber aus unserer Sicht haben wir uns – was den Sound von Joy of missing out angeht durchaus verjüngt. Kennen die Leute denn Gaslight noch? —
Hat die lange Pause euren Blick auf Musik verändert – weniger Druck, mehr Haltung?
— Wir haben alle einen unterschiedlichen Musikgeschmack. Wir hören intensiver und bewusster Musik als früher und wir haben sicherlich mehr Referenzen als früher in unserem Sound: Bleachers, Zach Bryan, Dijon, Lana Del Rey… —
Wenn „Money Takes“ das erste Kapitel ist: Wie klingt der Rest der neuen Geschichte?
— Nicht nach Money Takes. Haha. Jedes Lied auf dem Album ist anders. Mit Reveries gibt es einen sehr ruhigen Song, den es so von uns noch nie gab. Aber auf der anderen Seite gibt es auch den Punksong Carolina, der mit einer Freakorgel nach vorne geht. Bei Mercimek Forever gibt es eine deutschen Strophe, gesungen von Jule. Und mindestens ein Gaslightsong ist auch drauf, damit wir der musikalischen Herkunft Rechnung tragen. —
Und ganz ehrlich: Fühlt sich das hier gerade wie ein Comeback an – oder eher wie ein kompletter Neustart?
— Weder noch. Es fühlt sich einfach nur gut an. 🙂 —
Fragen: Dennis Kresse
Erzählt von uns: