Es gibt Künstler, die machen Musik. Und es gibt Reinhard Mey. Wer hierzulande das Wort Liedermacher in den Raum wirft, muss seinen Namen eigentlich nicht mehr hinterherschieben. Seit mehr als sechs Jahrzehnten erzählt Mey von den großen und kleinen Dramen des Lebens, von Liebe, Abschied, Glück und den Absurditäten des Alltags. Ohne großes Getöse, ohne künstlich aufgepumpte Gefühle und meistens mit einer Gitarre, die mehr zu sagen hat als so manche Stadionproduktion. Oliver Kobold widmet sich in „Ich singe um mein Leben“ diesem Phänomen und der Frage, was hinter den Liedern steckt, die für so viele Menschen längst zu Lebensbegleitern geworden sind.
Mey ist schließlich einer, der aus dem ganz normalen Wahnsinn etwas Besonderes machen kann. Da fliegen Maikäfer, Bären stapfen durch die Geschichten und gute Feen sorgen dafür, dass die Welt wenigstens für einen Moment nicht völlig aus den Fugen gerät. Was auf den ersten Blick nach Märchenstunde klingt, ist bei genauerem Hinsehen eine ziemlich präzise Beobachtung menschlicher Schwächen und Sehnsüchte. Mey erzählt von sich und trifft dabei erstaunlich oft den Nerv anderer. Das ist keine Zauberei, aber eine Kunst, die längst nicht jeder beherrscht.
Oliver Kobold nähert sich diesem Werk nicht nur als einer Sammlung bekannter Lieder, sondern als einer Art musikalischer Autobiografie. Leitmotive, wiederkehrende Bilder und persönliche Erfahrungen verweben sich zu einem Gesamtbild, das weit über einzelne Erfolge hinausgeht. Von den frühen Chansons bis zu den Nummer-eins-Alben der jüngeren Vergangenheit zeichnet das Buch eine Karriere nach, die sich konsequent dem eigenen Kompass verpflichtet fühlt. Während andere sich neu erfinden, um bloß nicht aus der Zeit zu fallen, scheint Mey vor allem eines wichtig zu sein: sich selbst treu zu bleiben.
Dabei geht es auch um die Haltung eines Künstlers, der sich die Neugier bewahrt hat. Mey will beobachten, sich aufregen, lachen, gerührt sein und das Glück besingen, obwohl er genau weiß, wie zerbrechlich es ist. Diese Mischung aus Melancholie, Humor und unaufgeregter Menschlichkeit macht seine Lieder so langlebig. Sie wollen niemandem die Welt erklären, schaffen es aber regelmäßig, sie ein kleines bisschen verständlicher zu machen.
„Ich singe um mein Leben“ ist damit mehr als eine Verbeugung vor einem großen Namen. Das Buch spürt der Poesie hinter den Melodien nach und zeigt, warum Reinhard Mey über Generationen hinweg Menschen erreicht. Am 25. September erscheint mit „Schatzhauser“ sein 30. Album – ein weiterer Beleg dafür, dass dieser musikalische Orpheus noch lange nicht verstummt ist.
Wer wissen möchte, warum Reinhard Mey nicht einfach nur singt, sondern Geschichten in Erinnerungen verwandelt, dürfte hier richtig liegen. Denn manchmal braucht es keinen großen Chor, keine Pyrotechnik und keinen musikalischen Vorschlaghammer. Manchmal reichen ein paar gute Worte, sechs Saiten und jemand, der etwas zu erzählen hat.
Text: Dennis Kresse
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