Leonard Cohen war nie der Mann für die schnelle Nummer. Dafür waren seine Stimme zu dunkel, seine Texte zu klug und seine Gedanken zu sehr mit den großen Fragen des Lebens beschäftigt. Liebe, Verlust, Religion und die ewige Suche nach einem Sinn: Cohen machte aus diesen Themen keine wohlfeile Betroffenheitslyrik, sondern Kunst, die unter die Haut ging. Mit „Suzanne“ schrieb er sich in die Musikgeschichte, mit „Hallelujah“ schuf er einen Song, der inzwischen so oft gecovert wurde, dass man fast vergessen könnte, wie viel Abgrund in diesem Lied steckt. Christophe Lebold widmet sich nun dem Mann hinter diesen Meisterwerken – und hat dafür beste Voraussetzungen.
Schließlich ist Lebold Cohen nicht nur als Künstler begegnet, sondern stand ihm auch persönlich nahe. Zwei Jahrzehnte Recherche und private Begegnungen bilden die Grundlage dieser Biografie, die den Leser von Cohens Heimatstadt Montreal über die griechische Insel Hydra bis in ein Zen-Kloster führt. Das klingt nach einem Lebenslauf, bei dem selbst erfahrene Reiseführer kurz nach Luft schnappen. Tatsächlich erzählt diese Route aber vor allem von einem Menschen, der sich nie damit zufriedengab, einfach nur erfolgreich zu sein.
Cohen war Dichter, Songwriter und Suchender. Einer, der sich mit Widersprüchen arrangieren musste, ohne sie deshalb gleich auflösen zu können. Seine Lieder handeln von Sehnsucht und Scheitern, von körperlicher Liebe und spiritueller Erleuchtung, von Hoffnung und dem Wissen, dass das Leben selten nach einem ordentlich sortierten Drehbuch funktioniert. Gerade diese Mischung machte ihn so besonders. Wo andere Antworten lieferten, stellte Cohen lieber die nächste unbequeme Frage.
Lebolds Biografie verspricht deshalb mehr als eine chronologische Aufzählung von Platten, Auftritten und Auszeichnungen. Sie nähert sich dem Menschen, dessen Leben und Werk eng miteinander verwoben waren. Dabei ist gerade die Verbindung von persönlichen Begegnungen und langjähriger Recherche reizvoll. Denn bei einer Persönlichkeit wie Cohen besteht immer die Gefahr, dass der Mythos den Menschen verschluckt. Der melancholische Poet im Anzug, die tiefe Stimme, der ewige Grübler: All das gehört zu Cohen, erzählt aber längst nicht die ganze Geschichte.
Wer sich auf dieses Buch einlässt, dürfte einen differenzierteren Blick auf einen Künstler bekommen, der seine Zweifel nie versteckte und gerade daraus eine erstaunliche Stärke entwickelte. Cohen musste nicht perfekt sein, um große Kunst zu schaffen. Vielleicht war das sogar sein Geheimnis.
Christophe Lebolds Biografie ist damit ein vielversprechender Streifzug durch ein außergewöhnliches Leben. Für Fans von Leonard Cohen ohnehin interessant, für Literaturfreunde ebenfalls. Denn manche Künstler hinterlassen Hits. Leonard Cohen hinterließ Fragen, Gedichte und Lieder, die auch dann noch nachhallen, wenn die letzte Note längst verklungen ist. Hallelujah – aber bitte mit Tiefgang.
Text: Dennis Kresse
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