Mit ihrer warmen Stimme und einer Musik, die mühelos zwischen Bossa Nova, MPB und modernem Singer-Songwriter-Pop pendelt, hat sich Mari Froes längst weit über Brasilien hinaus einen Namen gemacht. Millionen Menschen entdeckten sie über Social Media, ihre Europatournee war restlos ausverkauft. Im Gespräch mit soundchecker.koeln spricht die 23-Jährige über ihr Debütalbum Esquina Do Sol, die Kraft von Melancholie, portugiesisch singende Fans in Europa und warum für sie am Ende nur eines zählt: Ehrlichkeit.
Deine Musik klingt gleichzeitig tief verwurzelt in der brasilianischen Tradition und doch sehr modern. War diese Verbindung für dich immer selbstverständlich oder musstest du dieses Gleichgewicht erst finden?
Ich glaube, das ist ganz natürlich entstanden. Ich bin mit brasilianischer Musik aufgewachsen und fühle mich ihrer Poesie, ihren Harmonien und Rhythmen tief verbunden. Gleichzeitig gehöre ich zu einer Generation, die Musik aus aller Welt hört und durch unterschiedlichste Einflüsse geprägt wird. Ich habe nie bewusst versucht, Tradition und Moderne voneinander zu trennen. Für mich existieren beide nebeneinander. Musik ist für mich ein Gespräch zwischen unserer Herkunft und unserer Zukunft.
Viele Menschen wurden zunächst durch deine Coverversionen auf YouTube auf dich aufmerksam. Wann hattest du das Gefühl, dass die Zeit gekommen war, deine eigenen Geschichten zu erzählen?
Diesen einen entscheidenden Moment gab es eigentlich nicht. Es entwickelte sich Schritt für Schritt. Die Cover haben mir geholfen, mit Menschen in Kontakt zu kommen, aber das Songwriting war immer der Ort, an dem ich mich wirklich zuhause gefühlt habe. Als ich begann, meine eigenen Lieder zu veröffentlichen und merkte, wie sehr sich Menschen mit meinen sehr persönlichen Geschichten identifizierten, wurde mir klar, dass Authentizität ihren ganz eigenen Weg findet. Das gab mir das Vertrauen, meiner eigenen Stimme zu folgen.
Deine Single „Como Ouro“ klingt warm und intim, gleichzeitig schwingt eine deutliche Melancholie mit. Welche Gefühle wolltest du darin einfangen?
Ich liebe Lieder, die widersprüchliche Gefühle gleichzeitig tragen können. „Como Ouro“ handelt davon, den Wert eines Menschen oder eines Moments zu erkennen, selbst wenn sich das Leben verändert und nichts mehr so einfach ist wie früher. Das Lied trägt Zärtlichkeit in sich, aber auch Sehnsucht. Es soll sich anfühlen, als würde man eine kostbare Erinnerung in den Händen halten – etwas Schönes, das gleichzeitig Trost und ein wenig Traurigkeit schenkt.
Millionen Menschen haben deine Musik über TikTok und Instagram entdeckt. Beeinflussen soziale Medien heute dein Songwriting oder versuchst du, Trends komplett auszublenden?
Ich bin den sozialen Medien unglaublich dankbar, weil sie meine Musik an Orte gebracht haben, die ich mir nie hätte vorstellen können. Aber wenn ich schreibe, versuche ich einen Raum zu schaffen, in dem Trends keine Rolle spielen. Songwriting ist für mich ein sehr persönlicher Prozess. Sobald ich an Algorithmen oder Erwartungen denke, verliere ich die Verbindung zu dem, was mich ursprünglich zum Schreiben gebracht hat. Ich glaube, Menschen verbinden sich am Ende vor allem mit Ehrlichkeit.
Obwohl du erst 23 Jahre alt bist, wirkt deine Musik erstaunlich selbstbewusst und reif. Woher kommt diese Ruhe und musikalische Intuition?
Das ist sehr freundlich. Ehrlich gesagt fühle ich mich selbst nicht immer so ruhig. Musik war für mich aber schon immer der Ort, an dem ich die Welt besser verstehen konnte. Ich beobachte viel, denke viel nach und höre aufmerksam zu – sowohl meiner Umgebung als auch mir selbst. Dieser Prozess lehrt einen, der eigenen Intuition zu vertrauen. Reife bedeutet nicht, auf alles eine Antwort zu haben. Sie bedeutet, sich mit Unsicherheit anzufreunden. Genau das spiegelt Esquina Do Sol wider.
Deine letzte Europatour war restlos ausverkauft. Gab es einen Moment, in dem dir bewusst wurde, wie international dein Publikum inzwischen geworden ist?
Davon gab es viele. Einer der bewegendsten Momente war, als komplette Säle meine Lieder auf Portugiesisch mitsangen – in Ländern, in denen Portugiesisch gar nicht die Muttersprache ist. Tausende Kilometer von Zuhause entfernt auf der Bühne zu stehen und diese Worte zurückgesungen zu bekommen, war unglaublich emotional. Es hat mir gezeigt, dass Gefühle viel weiter reisen können als jede Sprache.
Bossa Nova wird oft mit Leichtigkeit und Sommer verbunden. Deine Musik trägt aber auch viel Sehnsucht und emotionale Tiefe in sich. Ist genau dieser Kontrast das Faszinierende an diesem Musikstil?
Absolut. Das liebe ich an brasilianischer Musik am meisten: Sie kann Freude und Melancholie gleichzeitig tragen. Manche der schönsten Lieder klingen sanft und warm, besitzen aber eine enorme emotionale Tiefe. Das Leben ist voller Widersprüche – und ich finde, Musik wird erst dann wirklich spannend, wenn sie diese zulässt, statt sie vereinfachen zu wollen.
Dein Debütalbum erscheint nach dem WM-Sommer 2026. Wie „brasilianisch“ fühlt sich dieses Album für dich an? Eher Strand bei Sonnenuntergang oder Großstadt um drei Uhr morgens?
Ich glaube, es ist beides. Brasilien vereint viele Welten gleichzeitig. Esquina Do Sol besitzt die Wärme, Offenheit und Naturverbundenheit, die viele mit dem Strand verbinden. Gleichzeitig trägt es die Unruhe, Bewegung und Suche in sich, die eher zu einer Großstadt gehören. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich sagen: Es fühlt sich an wie ein Sonnenuntergang, während man weiß, dass die eigentliche Reise erst noch bevorsteht.
Du singst, spielst Klavier und Gitarre. Mit welchem Instrument kannst du Gefühle beim Schreiben am ehrlichsten ausdrücken?
Die meisten Lieder entstehen zuerst auf der Gitarre. Mit ihr habe ich die meiste Zeit verbracht und sie fühlt sich fast wie eine Verlängerung meiner Stimme an. Das Klavier eröffnet mir wiederum andere emotionale Landschaften und Harmonien. Am Ende kommt aber immer zuerst das Gefühl. Jedes Lied zeigt mir selbst, welches Instrument seine Geschichte am besten erzählen kann.
Nachdem jemand dein Debütalbum zum ersten Mal gehört hat – welches Gefühl soll bleiben?
Freiheit.
Esquina Do Sol erzählt vom Suchen, Umherirren, Lieben, Verlieren, Wachsen und davon, das Zuhause irgendwann in sich selbst zu finden. Wenn die Menschen das Album mit dem Gefühl verlassen, ihrer eigenen Reise ein Stück näher gekommen zu sein, weniger Angst vor dem Ungewissen zu haben und offener auf das zu blicken, was noch vor ihnen liegt, dann hat dieses Album genau das erreicht, was ich mir wünsche.
Fragen: Dennis Kresse
Erzählt von uns: