Drum Seeds – Peter Gall lässt es ordentlich wuchern

Nach dem Deutschen Jazzpreis für »Love Avatar« wäre jetzt der ideale Zeitpunkt gewesen, sich gemütlich zurückzulehnen und die Erfolgsformel noch einmal aufzuwärmen. Peter Gall hat offenbar keine Lust darauf. Zum Glück.

»DRUM SEEDS« beginnt als vermeintliches Schlagzeugalbum und entwickelt sich ziemlich schnell zu einer musikalischen Wundertüte zwischen Jazz, Kraut, Ambient, Hip-Hop, R&B, Breakbeats und Clubmusik. Oder kurz gesagt: Gall trommelt, schraubt, schichtet und produziert sich seine eigene Welt zusammen – und pfeift dabei auf die Genrepolizei.

Das Schlagzeug steht diesmal tatsächlich im Mittelpunkt. Aber nicht als virtuose Leistungsschau. Gall interessiert sich nicht dafür, möglichst kompliziert auf Felle einzudreschen. Ihn interessiert der Groove. Der Beat als Erzählung. Mal roh und rotzig, mal hypnotisch, mal geradezu umarmend.

Dazu kommen seine geliebten Vintage-Synthesizer. Und plötzlich wird aus dem Drum-Album eine ziemlich große Klanglandschaft. »Groove Receiver« knallt mit zwei Drumsets und Mellotron-Flöten los, »Prophet Juno« verbindet Afro-Groove mit Juno-60-Arpeggiator, »Hello Future Us« schickt Jungle-Drumming durch raue MS-20-Bässe. »Glow« sorgt für den melancholischen Gegenpol, bevor »Love Lost Bits« die Reise verträumt und fast trip-hopig beendet.

Das Faszinierende: Obwohl Gall sämtliche Instrumente selbst eingespielt und das Album über fast zwei Jahre produziert hat, klingt das Ganze nicht nach musikalischem Einzelkämpfer-Ego. Es klingt lebendig, verspielt und erstaunlich offen.

Jazz ist dabei die Basis, aber Gall lässt ihn ordentlich durch den Wolf drehen. Tony Williams und Jack DeJohnette blitzen ebenso auf wie Aphex Twin, Boards of Canada, Krautrock oder Clubmusik. Das könnte schnell nach »Schaut her, ich kann auch elektronisch« klingen. Tut es aber nicht.

**»DRUM SEEDS« ist kein Schlagzeuger-Album zum Angeben, sondern eines zum Eintauchen.** Man sollte es komplett hören – und möglichst laut.

Nach »Love Avatar« also keine Wiederholung, sondern ein ziemlich konsequenter Neustart. Peter Gall pflanzt seine Drum Seeds – und lässt sie hemmungslos wuchern.

**Gut so.**

Text: Dennis Kresse

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