Deep Purple – SPLAT! Die Dinosaurier? Nein. Eher die letzten Überlebenden.

Rockmusik hat ein seltsames Verhältnis zum Alter. Mit Mitte zwanzig gilt man oft schon als „nicht mehr neu“, während Deep Purple auch 2026 noch Alben veröffentlichen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Tatsächlich ist genau das ihre größte Stärke geworden: Sie müssen niemandem mehr etwas beweisen.

Mit *SPLAT!* erscheint das 24. Studioalbum einer Band, die seit über einem halben Jahrhundert Musikgeschichte schreibt. Von *In Rock* über *Machine Head*, den personellen Erdbeben der Siebziger und Achtziger bis hin zur bemerkenswerten Renaissance der letzten zehn Jahre – Deep Purple haben sich immer wieder neu erfunden, ohne ihre Identität aufzugeben. Während viele Zeitgenossen längst von Nostalgietourneen leben, liefert diese Band weiterhin neue Musik. Das allein verdient Respekt.

Musikalisch knüpft *SPLAT!* konsequent dort an, wo das starke *=1* aufgehört hat. Produzent Bob Ezrin versteht es erneut, den klassischen Purple-Sound nicht unter einer modernen Produktion zu begraben, sondern ihm Luft zum Atmen zu geben. Don Aireys Orgel, Simon McBrides elegante Gitarrenarbeit, Roger Glovers souveränes Bassspiel und Ian Paices unnachahmliches Schlagzeug bilden ein Fundament, das erstaunlich lebendig wirkt.

Besonders *Guilt Trippin’* zeigt, warum Deep Purple auch heute noch relevant sind. Der Song beginnt beinahe harmlos am Piano, entwickelt sich aber zu einem verschmitzten Rockstück voller Dynamik. Ian Gillan liefert dabei eine Gesangsleistung ab, die weniger auf jugendliche Kraft als auf Persönlichkeit setzt. Dass Gott und Charles Darwin in einem Pub über die Menschheit philosophieren, ist genau die Art britischen Humors, die Deep Purple seit Jahrzehnten immer wieder einfließen lassen.

Überhaupt lebt *SPLAT!* weniger von spektakulären Hits als von seinem Zusammenspiel. Die Band klingt entspannt, eingespielt und erstaunlich spielfreudig. Niemand versucht hier, *Smoke On The Water* oder *Highway Star* ein weiteres Mal zu schreiben – eine Versuchung, der viele Veteranen erliegen. Stattdessen vertraut Deep Purple auf Erfahrung, Songwriting und das Wissen, dass gute Musik nicht zwangsläufig lauter oder schneller sein muss.

Natürlich erreicht *SPLAT!* nicht mehr die historische Wucht jener Alben, die den Hard Rock einst definierten. Das wäre auch ein unfairer Maßstab. Die Magie von *Machine Head* lässt sich nicht reproduzieren – ebenso wenig wie die Siebziger. Doch genau darin liegt die Qualität dieses Albums: Es versucht es gar nicht erst.

Im Gesamtwerk der Band reiht sich *SPLAT!* nahtlos in die bemerkenswert starke Spätphase ein, die mit Steve Morse begann und mit Simon McBride eine überzeugende Fortsetzung gefunden hat. Deep Purple wirken heute nicht wie ein Museum ihrer selbst, sondern wie Musiker, die schlicht immer noch Freude daran haben, gemeinsam Songs zu schreiben.

Und vielleicht ist genau das das eigentliche Kunststück. Während unzählige Rockgrößen ihre Karriere mit immer größeren Abschiedstourneen verwalten, veröffentlichen Deep Purple lieber das nächste Studioalbum. Ohne großes Pathos. Ohne den Anspruch, die Welt noch einmal zu verändern. Aber mit der Gelassenheit einer Band, die längst weiß, dass sie ihren Platz in der Rockgeschichte sicher hat.

SPLAT! wird die Geschichte des Hard Rock nicht neu schreiben. Es zeigt aber eindrucksvoll, warum Deep Purple auch nach über fünf Jahrzehnten zu den wenigen Veteranen gehören, deren neue Alben mehr sind als bloße Pflichtübungen. Das ist vielleicht nicht spektakulär – aber bemerkenswert.

Text: Dennis Kresse

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