Bescheidenheit statt großem Pathos: Neil Diamond vollendet seine Rubin-Trilogie mit Würde!

Es gibt Alben, die laut um Aufmerksamkeit kämpfen. Und es gibt Platten wie „Wild At Heart“ von Neil Diamond, die sich einfach still neben einen setzen und anfangen zu erzählen. Keine großen Gesten, kein nostalgisches Aufpolieren vergangener Triumphe – sondern zehn Songs voller Wärme, Altersweisheit und dieser unverwechselbaren Stimme, die seit Jahrzehnten klingt, als würde sie direkt aus dem Herzen kommen.

Mit „Wild At Heart“ erscheint nun das dritte und letzte Kapitel der Zusammenarbeit zwischen Diamond und Produzentenlegende Rick Rubin. Und genau wie schon bei 12 Songs und Home Before Dark liegt die Stärke nicht im Bombast, sondern in der Reduktion. Rubin nimmt Diamond nichts weg – er räumt lediglich alles aus dem Weg, was von den Songs ablenken könnte.

Das Ergebnis klingt erstaunlich intim. Oft reichen eine akustische Gitarre, ein paar zurückhaltende Keyboardflächen und Diamonds brüchig gewordene Stimme, um eine Atmosphäre zu erzeugen, die näher an einem Wohnzimmerkonzert als an einer späten Karriereverwaltung wirkt.

Besonders beeindruckend ist dabei, wie zeitlos viele dieser Songs wirken. Das nachdenkliche „You Can’t Have It All“ klingt in seiner resignierten Gesellschaftsbeobachtung fast erschreckend aktuell, während „Shine On“ mit väterlicher Wärme berührt, ohne kitschig zu werden. Überhaupt ist das Album voller leiser Momente, die gerade deshalb treffen, weil Diamond nichts mehr beweisen muss.

Natürlich schwingt hier auch Melancholie mit. Nicht nur, weil dieses Album eine Trilogie abschließt, sondern weil man spürt, dass hier jemand auf ein Leben voller Höhen, Fehler und Erinnerungen zurückblickt. Wenn Diamond in „You Still Look Good To Me“ oder „The Secret You“ über Liebe singt, klingt das nicht mehr jugendlich euphorisch, sondern wie jemand, der genau weiß, wie zerbrechlich Nähe eigentlich ist.

Und trotzdem bleibt da immer diese Wärme. Diese große menschliche Offenheit, die Neil Diamond seit Jahrzehnten von vielen glatt produzierten Kollegen unterscheidet. Selbst die rockigeren Momente wie „Talking It To Death“ oder die alternative Version von „Forgotten“ wirken nie kalkuliert, sondern angenehm organisch.

Wer hier das nächste Sweet Caroline erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein. „Wild At Heart“ will keine Stadionhymnen liefern. Dieses Album funktioniert vielmehr wie ein spätes Gespräch nach Mitternacht – ruhig, ehrlich und manchmal erstaunlich verletzlich.

Gerade deshalb ist diese Veröffentlichung weit mehr als bloßes Archivmaterial. Sie wirkt wie ein letzter, stiller Nachhall einer außergewöhnlichen kreativen Partnerschaft zwischen zwei Künstlern, die verstanden haben, dass große Musik oft dann entsteht, wenn man den Songs einfach genug Raum zum Atmen lässt.

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