Im Mai 2026 feiert 0711 sein 30-jähriges Bestehen. Doch dieses Jubiläum markiert weit mehr als ein Firmenalter. Es steht für drei Jahrzehnte kulturelle Arbeit an der Schnittstelle von HipHop, Stadt, Stil und gesellschaftlichem Wandel – und für die Frage, wie Subkultur zur tragenden Säule urbaner Identität werden kann.
Die Geschichte von 0711 beginnt 1996 in Stuttgart-Hohenheim. Zwei Studenten, Jean-Christoph Ritter (Schowi) und Johannes Strachwitz (Strachi), entscheiden sich, ihre Leidenschaft für HipHop nicht länger als Nebenprojekt zu betrachten. Beide sind bereits tief in der Szene verankert: Ritter als Frontmann der Massive Töne, Strachwitz als Veranstalter, Netzwerker und Organisator. Gemeinsam erkennen sie früh, was viele erst Jahre später begreifen: Kultur braucht Struktur, wenn sie Wirkung entfalten will.
0711 entsteht ohne Businessplan, ohne Investor:innen, aber mit einer klaren Haltung. HipHop wird hier nicht romantisiert, sondern ernst genommen. Als Ausdruck von Identität, Gemeinschaft und sozialer Realität – und als etwas, das Professionalität verdient. Clubs, Konzerte, Jams und eigene Formate folgen. Stuttgart wird zum Resonanzraum einer neuen urbanen Kultur.
Vom Underground zur Stadtprägung
Spätestens mit Großformaten wie dem MTV HipHop Open wird klar: 0711 ist nicht nur Veranstalter, sondern Stadtgestalter. Subkultur wird sichtbar, international anschlussfähig und professionell produziert. Nicht als kommerzielle Anpassung, sondern als Erweiterung kultureller Reichweite. Wenn „0711“ auf einem Flyer stand, galt das als Gütesiegel. Das Netzwerk prägte eine ganze Generation – nicht nur musikalisch, sondern ästhetisch, sozial und mental. Stuttgart wurde Teil einer deutschen HipHop-Landkarte, die zuvor vor allem Hamburg und Berlin kannte. Dabei verstand sich 0711 nie als klassische Lokalmarke. „0711“ ist keine Übersetzung von Stuttgart – sondern eine Interpretation davon. Eine Haltung zur Stadt, zu Zugehörigkeit und Identität. Kein Abgrenzen, sondern Einordnen. Kein „besser als“, sondern „Teil von“.
Das VfB-Trikot: Wenn Kultur Institutionen verändert
Ein besonders prägnantes Beispiel dieser Haltung ist das VfB-Stuttgart-Stadttrikot, das 0711 gemeinsam mit dem Verein entwickelte. Was als vorsichtige Annäherung begann – ein T-Shirt, ein Schal, ein kleines Merch-Projekt – wuchs zu einem kulturellen Meilenstein heran. Dabei brachte 0711 weniger klassische Designvorschläge ein, sondern vor allem kulturelles Verständnis.
Die zugrunde liegende Erkenntnis: Fußballtrikots sind längst mehr als Sportbekleidung. Sie sind Teil globaler Street Culture – getragen von Rappern, Artists und Jugendlichen von Paris bis São Paulo. In Europa hatten sie Basketball- und Football-Jerseys längst abgelöst.
Das Ergebnis war ein reduziertes, schwarzes Trikot, veredelt durch ein Camouflage-Muster aus Herzen in Grau- und Schwarztönen – das „VfB x 0711 Stadttrikot“ als bewusstes Spiel mit Zurückhaltung und Detail. Gestaltet wurde es gemeinsam mit dem Stuttgarter Graffiti-Künstler Buffi und dem globalen Chefdesigner von Puma. Ein Trikot, das HipHop, Mode und Sport miteinander verband – und bewusst mit traditionellen Fußballästhetiken brach.
Selbst der Hauptsponsor Mercedes-Benz Bank ließ sich auf ein ungewöhnliches „Schwarz-auf-Schwarz“-Branding ein. Ein Moment, der zeigte, wie kulturelle Kompetenz Vertrauen schaffen kann – selbst innerhalb konservativer Strukturen. Das Spiel gegen Borussia Dortmund, bei dem das Trikot erstmals getragen wurde, wurde legendär: sportlich erfolgreich, kulturell aufgeladen, emotional verankert.
Auch der Release folgte nicht der Logik des klassischen Fanshops, sondern dem Streetwear-Drop-Prinzip. Unter der Woche, mitten in der Stadt, mit Schlangen wie bei Supreme oder Nike. Fußball wurde Fashion. Stadt wurde Bühne. Kultur wurde Erlebnis.
Über den Fußball hinaus erweiterte 0711 seine Arbeit durch Projekte wie die „0711“-Kollektion im 0711 Shop– eine Streetwear-Linie, die urbanen Lifestyle mit lokaler Identität verbindet, getragen von Stadtbewohner:innen ebenso wie von Szene-Influencern. Solche Arbeiten zeigen, wie 0711 ästhetische, soziale und städtische Narrative miteinander verknüpft, ohne zwischen Popkultur und klassischer Kulturpolitik zu unterscheiden.
Parallel zu diesen Leuchtturmprojekten realisierte das Netzwerk über die Jahre zahlreiche weitere kulturgetriebene Projekte – von bereits genannten Merch- und Fashion-Linien über Community-basierte Stadtinitiativen bis hin zu Marken- und Eventkooperationen mit Partnern wie Red Bull oder adidas. Mal groß und international sichtbar, mal bewusst klein, lokal und intim. Genau diese Spannweite macht 0711 aus: die Fähigkeit, kulturelle Relevanz sowohl im Stadion als auch im Club, im öffentlichen Raum wie im geschützten Rahmen entstehen zu lassen.
30 Jahre Haltung – öffentlich gefeiert
Zum 30-jährigen Jubiläum kehrt 0711 genau an diesen Punkt zurück: in den öffentlichen Raum. Gefeiert wird mit einem großen Konzert auf dem Stuttgarter Schlossplatz, einer einstündigen SWR/ARD-Dokumentation und einem begleitenden Podcastformat. Keine geschlossene Gesellschaft, sondern ein Stadtmoment.
Das Jubiläum erzählt davon, wie HipHop Infrastruktur wurde.Und davon, warum 0711 seit drei Jahrzehnten beweist: Kultur ist kein Beiwerk – sie ist Fundament.
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