Get Well Soon – „Séance“: Wenn die künstliche Intelligenz zum Geist wird

Konstantin Gropper hat offenbar keine Lust, sich von der Zukunft einschüchtern zu lassen. Während andernorts Künstliche Intelligenz wahlweise als Heilsbringer gefeiert oder als Untergang des Abendlandes verteufelt wird, versucht der Mann hinter Get Well Soon lieber, sich musikalisch mit ihr auseinanderzusetzen. Das Ergebnis heißt „Séance“ und ist bereits sein achtes Album unter diesem Namen. Und wer jetzt glaubt, hier werde der Algorithmus zum heimlichen Bandmitglied befördert, darf beruhigt sein: Der Versuch, KI direkt in den künstlerischen Schaffensprozess einzubauen, ist gescheitert. Zum Glück, möchte man fast sagen.

Denn aus dem geplanten Experiment wurde ein Album über Künstliche Intelligenz – und über die merkwürdige Faszination, die von ihr ausgeht. Gropper vergleicht die Kommunikation mit ChatGPT, Claude und Konsorten mit einer Geisterbeschwörung. Ein Gedanke, der dem Albumtitel eine durchaus passende Bedeutung verleiht. Schließlich weiß man bei diesen digitalen Gesprächspartnern nie so recht, wer oder was da eigentlich antwortet. Gropper nennt „Séance“ folgerichtig sein Gothic-Album. Und das klingt weniger nach Kostümfest als nach einer ziemlich reizvollen künstlerischen Ausgangslage.

Get Well Soon waren ohnehin noch nie die Adresse für musikalische Leichtkost. Groppers Hang zu opulenten Arrangements, melancholischen Stimmungen und großen musikalischen Bildern bekommt hier ein neues thematisches Spielfeld. Zwischen Geisterstunde und Gegenwartsdiagnose entsteht ein Album, das sich nicht mit einfachen Antworten zufriedengibt. Statt die KI-Frage mit erhobenem Zeigefinger abzuhaken, schaut Gropper lieber genauer hin – und entdeckt dabei reichlich Stoff für musikalische und gedankliche Abgründe.

Bemerkenswert ist auch das Tempo, mit dem Gropper seine Veröffentlichungen vorantreibt: Erst im Mai erschien „Minus The Magic“, nun folgt mit „Séance“ bereits das nächste Kapitel. Von kreativer Ermüdung ist dabei offenbar wenig zu spüren. Stattdessen beweist Gropper einmal mehr, dass Popmusik durchaus klug, eigenwillig und atmosphärisch dicht sein darf, ohne dabei den Spaß am Unheimlichen zu verlieren.

„Séance“ ist kein Album, das die Geister der Zukunft vertreiben will. Es lädt sie lieber ein, nimmt sie musikalisch in Empfang und stellt ihnen ein paar unbequeme Fragen. Konstantin Gropper bleibt damit ein ziemlich guter Gastgeber für das Unheimliche.

Wer sich mit Get Well Soon auf Geistersuche begeben möchte, bekommt Anfang 2027 reichlich Gelegenheit dazu.

**Get Well Soon – Tour 2027**

– 24.01.2027 – Hamburg, Mojo
– 25.01.2027 – Frankfurt, Zoom
– 26.01.2027 – Heidelberg, Karlstorbahnhof
– 27.01.2027 – Köln, Gloria
– 28.01.2027 – Münster, Sputnikhalle
– 29.01.2027 – Leipzig, Felsenkeller
– 30.01.2027 – Hannover, Faust
– 31.01.2027 – Berlin, Huxleys
– 02.02.2027 – München, Ampere
– 03.02.2027 – Wien, WUK
– 04.02.2027 – Salzburg, ARGE
– 05.02.2027 – Schorndorf, Manufaktur
– 16.02.2027 – Utrecht, dB’s
– 17.02.2027 – Lille, L’Aéronef
– 18.02.2027 – Paris, Le Café de la danse
– 19.02.2027 – Luzern, Schüür
– 20.02.2027 – Zürich, Bogen

Text: Dennis Kresse