Man muss die Welt nicht verstehen. Manchmal reicht es, ihr beim Durchdrehen zuzusehen. Angela Aux alias Florian Kreier hat diesen Zustand offenbar ziemlich genau studiert und daraus ein Album gemacht, das gleichzeitig schmunzeln lässt und einem gelegentlich das Lachen im Halse stecken bleiben lässt. „Das Nichts macht Kopien von sich selbst“ heißt das bei Clouds Hill erschienene Werk. Und wer jetzt glaubt, hier werde nur ein bisschen mit künstlicher Intelligenz, Selbstoptimierung und digitaler Überforderung jongliert, hat zwar recht, aber eben noch lange nicht alles verstanden.
Elf Songs lang seziert Aux die Gegenwart, ohne sich dabei wie ein Oberlehrer mit erhobenem Zeigefinger aufzuspielen. Stattdessen serviert er Gedanken, die sich zunächst als charmante Indie-Popsongs tarnen, um sich anschließend ziemlich hartnäckig im Kopf einzunisten. Wenn in „Schöne Replikantin“ die Frage „Woher weißt du so gut, was ich mag?“ gestellt wird, ist das eben nicht bloß ein flotter Kommentar zur KI-Liebe. Es geht um die unangenehme Vorstellung, dass Maschinen uns womöglich besser kennen als wir uns selbst. Na, herzlichen Glückwunsch und Willkomen in der schönen neuen Welt!
Neunziger-Grunge trifft auf die Lakonie der Hamburger Schule, dazu gesellen sich Lo-Fi-Hip-Hop und Bedroom-Pop. Das klingt angenehm unaufgeräumt und passt bestens zu Texten, die zwischen Alltagsbeobachtung, philosophischem Gedankenspiel und gepflegtem Irrsinn pendeln. „Hab Supplements bestellt“ macht aus dem Optimierungswahn eine musikalische Versuchsanordnung, während „Sie wissen Alles“ den Überwachungsstaat mit einem simplen Handytausch austricksen möchte. Wenn das tatsächlich funktioniert, wäre das vermutlich die erste wirklich revolutionäre Idee seit Erfindung des Flugmodus.
Besonders schön wird es, wenn Aux den ganz normalen Wahnsinn seziert. „Avocado“ nimmt den Selbstoptimierungsalltag mit einer derartigen Ernsthaftigkeit auseinander, dass die Absurdität erst nach und nach ihre volle Wirkung entfaltet. „Im Wald ist Licht“ erweitert gemeinsam mit Roger Rekless den Blick auf Ausgrenzung und Menschlichkeit, indem die Perspektive kurzerhand ins Außerirdische verschoben wird. Eine herrlich schräge Idee mit erstaunlich ernstem Kern: Vielleicht sollten wir uns weniger fragen, ob Aliens uns bedrohen, als vielmehr, ob sie überhaupt freiwillig mit uns zu tun haben wollen.
Mit „Die Leute wollen gute Musik hören“ gönnt sich das Album sogar einen beinahe klassischen Indie-Hit. Ein hübscher Kontrapunkt zu all den großen Fragen, die hier ansonsten durch den musikalischen Fleischwolf gedreht werden. Und wenn „Ticket ins Futur“ schließlich die Mensch-Maschine im Zoo bestaunen lässt, ist die Pointe längst angekommen: Vielleicht sind wir selbst schon die Attraktion, die wir für die Zukunft halten.
Angela Aux nennt das seriösen Dadaismus. Das trifft es ziemlich gut. „Das Nichts macht Kopien von sich selbst“ liefert keine fertigen Antworten, sondern reichlich Stoff zum Nachdenken, verpackt in wunderbar eigenwillige Songs. Ein Album für alle, die über den Wahnsinn unserer Zeit lieber intelligent schmunzeln, statt einfach nur den Kopf in den Sand zu stecken. Wobei selbst der vermutlich längst digitalisiert, optimiert und per App überwacht wird.
Text: Dennis Kresse