Wer In Extremo kennt, weiß: Wenn diese Spielleute ihre Instrumente auspacken, bleibt selten ein Stein auf dem anderen. Dudelsack, Drehleier, Schalmei und Gitarren unter Strom – fertig ist der unverwechselbare Mix, mit dem die Band seit über drei Jahrzehnten den Mittelalter-Rock aufmischt. Doch was passiert, wenn man den Verstärker nicht bis zum Anschlag aufdreht, sondern die Songs einmal von einer ganz anderen Seite betrachtet? Genau dieser Frage widmet sich „Tranquilo II“. Und das Ergebnis ist weit mehr als eine Sammlung bekannter Hits im Schongang.
Sechzehn Jahre nach dem ersten „Tranquilo“-Kapitel kehren In Extremo zu ihrem akustischen Konzept zurück. 17 Songs aus mehr als drei Jahrzehnten Bandgeschichte werden dafür gründlich umgekrempelt, neu arrangiert und in ein Gewand gesteckt, das mitunter überraschender ausfällt als der Kostümfundus eines Mittelaltermarktes. Swing, Rockabilly, Ska, Reggae und osteuropäische Einflüsse mischen sich mit der vertrauten Spielmannskunst. Das klingt nicht nach einer Band, die ihre alten Erfolge vorsichtig abstaubt, sondern nach Musikern, die wissen, dass gute Songs auch dann funktionieren, wenn man ihnen den gewohnten Panzer aus Stromgitarren einmal auszieht.
Dabei bleibt die Auswahl erfreulich abwechslungsreich. „Spielmannsfluch“, „Frei zu sein“, „Störtebeker“, „Weckt die Toten“ und „Feine Seele“ bekommen neue Farben, ohne ihre Identität zu verlieren. Gerade darin liegt die Stärke dieses Albums: Die Stücke werden nicht einfach leiser gedreht, sondern musikalisch neu gedacht. Dass die Aufnahmen in einem kleinen Studio im österreichischen Dornbirn in authentischer Liveatmosphäre entstanden, passt zum Konzept. Weniger Hochglanz, mehr gemeinsames Musizieren – und Platz für spontane Ideen.
Auch die Gäste sorgen für frischen Wind. Laura Fella von Faun verleiht „Liam“ zusätzliche Magie, während Doro Pesch bei „Feine Seele“ auf Micha Rhein trifft. Beim Klassiker „Störtebeker“ kommen Monchi und Max Bobzin von Feine Sahne Fischfilet hinzu. Unterschiedliche musikalische Welten begegnen sich, ohne dass jemand seinen Charakter an der Garderobe abgeben muss. Genau so darf Zusammenarbeit klingen.
Und weil In Extremo trotz aller Lust auf neue Klangfarben nicht plötzlich zu musikalischen Stubenhockern werden, gibt es mit „Heute wird der Himmel brennen“ auch einen neuen Song. Die Deluxe-CD und das streng limitierte Vinyl-Bundle legen mit der Bonus-EP „Sternhagelvoller“ noch eine Schippe drauf. Der titelgebende Partyklassiker wächst hier zur knapp sechsminütigen Mittelalter-Rock-Familienfeier mit zahlreichen Weggefährten. Dazu kommen das bislang unveröffentlichte „Amontillado“ und eine besondere Version von „Ave Maria“ mit der kroatischen Vokalformation Metaklapa. Für Sammler also ein durchaus gewichtiger Grund, genauer hinzusehen.
Wer In Extremo im November und Dezember live erleben möchte, bekommt mit der „Tranquilo II“-Tour die passende Gelegenheit. In ausgewählten Häusern wie dem Berliner Admiralspalast oder der Hamburger Laeiszhalle stehen Atmosphäre, Nähe und musikalische Feinheiten im Mittelpunkt.
**Fazit:** „Tranquilo II“ ist kein gemütlicher Rückzug alternder Rocker, sondern ein selbstbewusstes Experiment mit dem eigenen Erbe. In Extremo zeigen, dass sie ihre Klassiker nicht wie Museumsstücke behandeln, sondern ihnen immer wieder neues Leben einhauchen können. Die Spielleute bleiben sich treu, indem sie sich verändern. Und wenn der Himmel am Ende doch noch brennen soll, darf vorher ruhig einmal akustisch gezündelt werden.
Text: Dennis Kresse