Alte Prog-Tugenden, neue Wut: RATKEN bauen auf „Our House“

Manche musikalischen Häuser haben ein verdammt stabiles Fundament. Und wenn Klaus Henatsch daran mitbaut, darf man sicher sein, dass hier nicht einfach ein bisschen Retro-Tapete geklebt wird. Mit RATKEN schlägt der ehemalige Keyboarder von Nektar ein neues Kapitel auf. „Our House“ heißt das am 23. Oktober 2026 erscheinende Album, das die Tradition des klassischen Progressive-Rock mit ordentlich Druck und einer gehörigen Portion Gegenwartsfrust verbindet.

Die musikalischen Ahnen stehen dabei unüberhörbar im Raum: Pink Floyd, Yes, die frühen Genesis und natürlich Nektar. Doch RATKEN begnügen sich nicht damit, ehrfürchtig die alten Helden zu zitieren. Hier treffen atmosphärische Klanglandschaften auf kantige Gitarren, verschachtelte Rhythmen auf geradlinige Rockgrooves und melancholische Passagen auf jene düstere Härte, die dem Progressive Metal ordentlich Feuer unter dem Dach macht. Das ist anspruchsvoll, ohne sich in musikalischer Selbstverliebtheit zu verlieren. Denn bei aller Lust an komplexen Arrangements bleiben Melodien und Emotionen erfreulich präsent.

Hinter RATKEN steckt auch eine Geschichte von Verlust und Beharrlichkeit. Nach dem Tod des Nektar-Masterminds Roye Albrighton setzte sich Henatsch dafür ein, dessen musikalisches Vermächtnis lebendig zu halten. Mit New Nektar führte er diesen Weg fort, bis rechtliche Auseinandersetzungen das Projekt beendeten. RATKEN ist nun mehr als ein neuer Name auf dem Cover: Die Band steht für einen musikalischen Neuanfang, ohne die eigenen Wurzeln zu verleugnen.

Dass es dabei nicht allein um nostalgische Klangpflege geht, zeigt „The Seed“. Der treibende Hard-Rock-Song mit Metal- und Prog-Anteilen widmet sich dem Teufelskreis aus Gewalt und Hass in einer von Großmachtinteressen geprägten Krisenregion. Die Botschaft ist unbequem und brandaktuell: Wer Hass sät, wird Hass ernten. Musikalisch wird daraus kein gemütlicher Sonntagsausflug, sondern ein druckvoller Kommentar zu einer Welt, die sich allzu oft selbst im Weg steht.

Auch inhaltlich setzt RATKEN auf Haltung statt Weltflucht. Machtmissbrauch, gesellschaftliche Spaltung und die Gefährdung demokratischer Werte bekommen ebenso Raum wie die Hoffnung, dass Menschlichkeit und Mitgefühl nicht endgültig verloren gehen müssen.

„Our House“ verbindet die große Geste des Progressive-Rock mit der Wut der Gegenwart. RATKEN erweisen Nektar die Ehre, ohne sich hinter deren Schatten zu verstecken. Ein Album für alle, die Musik gern mit Anspruch hören und dabei nicht vergessen wollen, dass Rock mehr sein kann als gepflegte Nostalgie.

Text: Dennis Kresse