Es gibt Alben, bei denen eine Rezension ungefähr so sinnvoll erscheint wie der Versuch, den Kölner Dom neu zu erfinden. „Rubber Soul“ von den Beatles gehört definitiv dazu. 1965 erschienen, markiert das Album einen jener Momente, in denen eine Band plötzlich beschließt, dass drei Minuten Popmusik auch ein ziemlich guter Ort für musikalische Revolutionen sein können. Jetzt wird das Meisterwerk noch einmal ausgepackt, neu gemischt und mit reichlich Bonusmaterial versehen. Und natürlich stellt sich die Frage: Braucht die Welt wirklich noch eine neue Version von „Rubber Soul“?
Die Antwort lautet: Ja. Zumindest wenn sie so aussieht.
Giles Martin und Sam Okell haben sich die originalen Vierspur-Master vorgenommen und dem Album einen neuen Stereomix verpasst. Dazu kommen Dolby Atmos, das ursprüngliche Monoalbum und sogar die amerikanische Capitol-Version. Wer also bislang noch nicht sämtliche denkbaren Varianten von „Rubber Soul“ im Regal stehen hat, bekommt nun die Gelegenheit, diese kleine Bildungslücke endgültig zu schließen.
Vor allem aber sind es die zusätzlichen Session-Aufnahmen und Demos, die diese Veröffentlichung interessant machen. 24 frühe Takes öffnen die Studiotüren und zeigen, wie aus Songs wie „Day Tripper“ oder „We Can Work It Out“ schließlich jene Aufnahmen wurden, die Popgeschichte geschrieben haben. Besonders spannend ist „Little Girl“, eine bislang unbekannte Songskizze von John Lennon. Bei den Beatles ist selbst das, was jahrzehntelang in irgendeiner Schublade lag, plötzlich kulturhistorisch relevant.
Und dann sind da natürlich diese Songs: „Drive My Car“, „Norwegian Wood“, „Nowhere Man“, „Michelle“, „Girl“ und „In My Life“. Man könnte sie einfach als Klassiker abhaken. Doch genau das wäre zu wenig. „Rubber Soul“ klingt noch immer wie der Moment, in dem die Beatles aufhörten, nur die erfolgreichste Popband der Welt zu sein, und anfingen, sich selbst als Studiokünstler zu begreifen.
Das Faszinierende an der neuen Edition ist deshalb nicht, dass plötzlich alles anders klingt. Im Gegenteil. Die neuen Mischungen versuchen, den Charakter der Aufnahmen zu bewahren und gleichzeitig Details hörbarer zu machen. Das Schlagzeug sitzt klarer, Stimmen und Instrumente bekommen mehr Raum, ohne dass aus „Rubber Soul“ plötzlich ein modernes Hochglanzprodukt wird.
Natürlich ist das Ganze auch ein Beatles-Komplettpaket für Menschen, die beim Gedanken an eine 5-LP-Box mit 88-seitigem Buch nicht nervös, sondern glücklich werden. Und seien wir ehrlich: Irgendwo zwischen Vinyl, Mono-Mix, Demos und Dolby Atmos lauert auch der ganz normale Sammeltrieb.
Aber das darf bei „Rubber Soul“ ruhig sein. Denn mehr als 60 Jahre nach seiner Veröffentlichung zeigt dieses Album noch immer, warum die Beatles nicht einfach eine erfolgreiche Band waren. Sie waren eine Band, die den Pop davon überzeugte, dass er sehr viel mehr sein konnte als drei Minuten Unterhaltung. Und genau deshalb darf man „Rubber Soul“ ruhig noch einmal auspacken. Auch wenn man es längst kennt.
Text: Dennis Kresse
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