Stefon Harris – »Legacy Dances«
Manche Alben erscheinen, weil es Zeit für ein neues Album ist. Und manche, weil es etwas zu bewahren gibt. »Legacy Dances«, das zwölfte Werk des Vibraphonisten Stefon Harris, gehört eindeutig zur zweiten Sorte – und zum Glück klingt es überhaupt nicht nach musikalischer Denkmalpflege.
Zum 20-jährigen Bestehen von Blackout blickt Harris zurück, ohne sich im Rückspiegel festzufahren. Modern Jazz trifft auf afrikanische Rhythmen, R&B und Electronic Soul, das Vibraphon funkelt, groovt und schiebt, während die Musik immer wieder diese angenehme Unberechenbarkeit entwickelt, die Jazz eben dann besitzt, wenn er nicht versucht, allen zu gefallen.
Der emotionale Kern des Albums ist allerdings ein anderer: Casey Benjamin, Mitbegründer von Blackout und ein Musiker, der Saxophon, Gesang und Vocoder zu einer ziemlich einzigartigen Klangsprache verband. Einige seiner letzten Studioaufnahmen sind hier zu hören. Das macht »Legacy Dances« zwangsläufig zu einer Hommage – aber eben nicht zu einer traurigen.
Und genau das ist Harris’ große Stärke. Er stellt Benjamin nicht auf ein Podest, sondern lässt ihn noch einmal mittendrin sein: im Groove, im Dialog, im musikalischen Risiko. Das Album klingt dadurch weniger nach Abschied als nach Weitererzählen. Nach: Wir wissen, woher wir kommen – und jetzt spielen wir weiter.
»Legacy Dances« ist deshalb kein Jazzalbum für die Vitrine. Es ist lebendig, rhythmisch und gelegentlich herrlich widerspenstig. Ein Album über Erbe, das nicht rückwärtsgewandt klingt. Über Erinnerung, die tanzt. Und über die vielleicht schönste Form des Gedenkens: Musik nicht stillzustellen, sondern sie weiterleben zu lassen.
Ein würdiger Rückblick auf 20 Jahre Blackout – und gleichzeitig ein ziemlich überzeugendes Plädoyer dafür, dass Vermächtnis am besten funktioniert, wenn es noch ordentlich Groove im Tank hat.
Text: Dennis Kresse
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