Dein ist mein ganzes Wort – Heinz Rudolf Kunzes „Werdegang“ ist weit mehr als eine Rockstar-Biografie

Es gibt Autobiografien, in denen jede zweite Seite nach Backstage-Ausweis riecht. Heinz Rudolf Kunzes „Werdegang“ gehört erfreulicherweise nicht dazu. Wer hier ausschweifende Geschichten über zerlegte Hotelzimmer oder Gitarren im Wert eines Einfamilienhauses erwartet, wird enttäuscht. Wer dagegen wissen möchte, wie ein scharfer Geist zum vielleicht wortgewaltigsten Texter des Deutschrocks wurde, liegt goldrichtig.

Kunze erzählt sein Leben so, wie man es von ihm erwartet: klug, pointiert und mit einer Sprache, die zeigt, dass hier nicht nur ein Musiker, sondern auch ein Schriftsteller am Werk ist. Schließlich hat kaum ein anderer deutscher Rockmusiker derart bewiesen, dass zwischen drei Akkorden auch immer Platz für Literatur ist.

Werdegang beginnt im Wirtschaftswunder-Deutschland, führt durch eine Kindheit, in der die Aufarbeitung der NS-Zeit vielerorts noch unter den Teppich gekehrt wurde, und begleitet Kunze durch die wilden Achtziger bis in die Gegenwart. Dabei geht es natürlich um Musik – aber eben nie nur. Es geht um Familie, Zweifel, Politik, Freundschaften und die ewige Frage, warum sich manche Menschen mit einfachen Antworten zufriedengeben, während andere immer weiter fragen.

Besonders sympathisch: Kunze schreibt nicht aus der Pose des unfehlbaren Rockstars. Er erzählt von Erfolgen ebenso wie von Niederlagen, von Momenten des Zweifels und von Entscheidungen, die sich im Nachhinein als richtig oder eben auch nicht herausstellten. Gerade diese Ehrlichkeit macht das Buch so lesenswert. Hier rechnet niemand mit der Welt ab. Stattdessen blickt einer zurück, der gelernt hat, dass Karriere selten geradeaus verläuft.

Natürlich begegnet man unterwegs auch den bekannten Liedern. Dein ist mein ganzes Herz taucht auf, ohne alles zu überstrahlen. Denn Kunze macht deutlich, dass ihn ein einziger Hit nie definieren konnte. Dafür war sein Werk immer zu vielfältig, zu unbequem und manchmal auch zu klug für den Massengeschmack. Ein Schicksal, das große Texter offenbar häufiger teilen.

Was Werdegang besonders macht, ist die Sprache. Kunze formuliert mit der Präzision eines Autors und dem Rhythmus eines Songwriters. Selbst alltägliche Erinnerungen entwickeln eine Sogwirkung, weil hinter ihnen immer ein Gedanke steckt, der über das Persönliche hinausweist. Das Buch ist deshalb weniger Chronologie als Selbstverständigung – und manchmal fast schon ein Essay über Deutschland, Kultur und das Älterwerden.

Man muss übrigens kein eingefleischter HRK-Fan sein, um Gefallen an diesem Buch zu finden. Wer gute Geschichten und kluge Beobachtungen mag, wird hier ebenso fündig wie Menschen, die Kunzes Musik bisher nur auf die berühmten Radiohits reduziert haben.

Fazit: Werdegang ist keine Autobiografie zum schnellen Weglesen, sondern ein Buch, das man immer wieder kurz zuklappt, weil ein Satz nachhallt. Heinz Rudolf Kunze beweist, dass seine größte Begabung vielleicht gar nicht das Singen ist. Sondern das Schreiben. Und genau deshalb ist dies eines der lesenswertesten Musikerbücher der vergangenen Jahre.

Text: Dennis Kresse

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