Mehr als nur „Hallelujah“

Es gibt Musiker, die auf drei Songs reduziert werden. Bei Leonard Cohen wären das vermutlich *Suzanne*, *First We Take Manhattan* und – natürlich – *Hallelujah*. Das ist ungefähr so, als würde man den Kölner Dom auf den Südturm reduzieren. Da steht noch ein bisschen mehr.

Genau hier setzt Oliver Kobold mit seinem Reclam-Band **„Leonard Cohen. 100 Seiten“** an. Auf gerade einmal hundert Seiten erzählt er nicht einfach die Karriere eines Singer-Songwriters, sondern die Geschichte eines Mannes, der Zeit seines Lebens auf der Suche war – nach Gott, nach Liebe, nach Sinn und wahrscheinlich auch nach dem perfekten Versmaß.

Wer eine klassische Biografie erwartet, bekommt stattdessen einen angenehm konzentrierten Streifzug durch Cohens Leben und Werk. Kobold schreibt klar, klug und ohne akademischen Ballast. Das kleine Format zwingt ihn dazu, sich auf das Wesentliche zu beschränken – und erstaunlicherweise funktioniert das hervorragend. Statt sich in Anekdoten zu verlieren, verbindet er Cohens Musik mit dessen Leben und zeigt, warum seine Texte bis heute nichts von ihrer Kraft verloren haben.

Besonders gelungen ist, wie Kobold Cohens Widersprüche herausarbeitet. Hier der Frauenheld, dort der Mönch. Der gefeierte Weltstar, der sich immer wieder zurückzieht. Der Melancholiker, dessen trockener Humor oft übersehen wird. Cohen war nie nur das wandelnde Sinnbild der Schwermut, als das er gerne dargestellt wird. Er konnte auch ironisch sein – manchmal sogar ziemlich witzig.

Dass Cohens letzztes Album *You Want It Darker* wenige Wochen vor seinem Tod erschien, wirkt im Rückblick fast wie ein bewusst gesetzter Schlusspunkt. Kobold beschreibt diese letzten Jahre mit viel Respekt, ohne in Pathos zu verfallen. Das passt zu einem Künstler, der sein Publikum nie unterschätzt hat.

Natürlich ersetzt **„Leonard Cohen. 100 Seiten“** keine umfangreiche Biografie. Das will dieses Buch aber auch gar nicht. Es ist vielmehr eine Einladung, sich wieder mit Cohen zu beschäftigen – oder ihn endlich jenseits seiner größten Hits kennenzulernen.

**Fazit:** Klein im Format, groß im Inhalt. Oliver Kobold beweist, dass man Leonard Cohen auch auf hundert Seiten erstaunlich nahekommen kann. Wer danach nicht wenigstens eine Cohen-Playlist startet, hat vermutlich auch bei *Hallelujah* immer nur den Refrain gehört.

Text: Dennis Kresse

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