Manche Bands werden am Reißbrett erschaffen. Andere entstehen aus Freundschaft, durchzechten Nächten, Tourbus-Geschichten und jahrzehntelangem gemeinsamen Musikwahnsinn. Die Sideshows gehören definitiv zur zweiten Kategorie. Und genau das hört man ihrem selbstbetitelten Debüt in jeder Sekunde an.
Schon die Entstehungsgeschichte klingt wie ein verlorenes Kapitel aus einem Rock’n’Roll-Roadmovie: Sami Yaffa – Bassist bei den legendären Hanoi Rocks, später unter anderem bei New York Dolls und an der Seite von Michael Monroe – trifft Anfang der 2000er in einer Bar der Lower East Side auf Rich Ragany. Der mixt Drinks, redet ohne Pause und jagt irgendwo zwischen Kneipenlicht und Großstadttristesse seinem Rockstar-Traum hinterher. Zwei Jahrzehnte später sitzen beide auf Mallorca im Studio, trinken Wein, erzählen Geschichten und nehmen mal eben ein Album auf, das klingt, als hätte jemand die letzten 50 Jahre Rockgeschichte in einen verrauchten Verstärker geprügelt.
Musikalisch sind die Sideshows tief verwurzelt im klassischen Proto-Punk, Glam und straßendreckigen Rock’n’Roll. Natürlich schweben die Geister der New York Dolls über allem – diese Mischung aus Schmutz, Stil und gefährlicher Lässigkeit ist permanent spürbar. Aber das Album wirkt nie wie eine nostalgische Kopie alter Zeiten. Dafür sind die Songs zu lebendig, zu ehrlich und vor allem zu gut geschrieben.
Rich Ragany beweist sich dabei endgültig als Songwriter mit echtem Gespür für große Melodien zwischen Melancholie und Aufbruch. Seine Songs tragen dieses bittersüße Gefühl in sich, das nur Musiker hinbekommen, die das Nachtleben nicht romantisieren müssen, weil sie lange genug darin gelebt haben. Da steckt Herzschmerz drin, Hoffnung, Selbstironie und der typische Blick von Leuten, die genau wissen, dass Rock’n’Roll selten gesund endet – aber trotzdem weitermachen.
Die Produktion bleibt angenehm roh und direkt. Nichts wirkt geschniegelt oder künstlich aufgeblasen. Stattdessen klingt vieles so, als würde die Band gerade live im Nebenraum spielen – inklusive Schweiß, Zigarettenrauch und halb leerer Whiskeygläser auf den Verstärkern.
Besonders stark ist dabei die Chemie zwischen den Beteiligten. Man hört sofort, dass hier keine Casting-Konstruktion zusammengeworfen wurde, sondern Musiker zusammenspielen, die sich seit Jahren kennen, respektieren und musikalisch blind vertrauen. Gerade Schlagzeuger Simon Maxwell sorgt immer wieder dafür, dass die Songs trotz aller rotzigen Energie nie auseinanderfallen.
Die Geschichte der New York Dolls schwingt als Referenz natürlich permanent mit. Diese Mischung aus Glamour, Chaos, Punk-Attitüde und emotionaler Verwundbarkeit zieht sich direkt bis zu den Sideshows weiter. Und genau wie einst die Dolls beweist auch dieses Album, dass guter Rock’n’Roll nicht perfekt sein muss – sondern lebendig.
Das Debüt der Sideshows klingt deshalb nicht wie eine Retroübung für alte Szenekenner, sondern wie der Beweis, dass dreckiger, melodischer Rock auch 2026 noch verdammt relevant sein kann. Vorausgesetzt, er kommt von Menschen, die ihn wirklich leben und lieben.
Text: Dennis Kresse
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