Kind of Now – Gregory Hutchinson verneigt sich vor Miles, ohne stehen zu bleiben
Zum 100. Geburtstag von Miles Davis erscheinen viele Würdigungen. Die meisten davon sind respektvoll, einige ambitioniert – und nur wenige wirklich relevant. Kind of Now – The Pulse of Miles Davis gehört klar zur letzten Kategorie.
Unter der Leitung von Gregory Hutchinson entsteht hier keine museale Rückschau, sondern ein vibrierender Dialog mit der Gegenwart. Der Titel ist dabei Programm: „Kind of Now“ versteht sich nicht als bloße Referenz an Kind of Blue, sondern als bewusste Verlagerung – weg vom Mythos, hin zum Moment.
Die zehn Interpretationen greifen verschiedene Schaffensphasen von Davis auf – von den Bebop-Wurzeln bis zur elektrischen Phase rund um Bitches Brew. Doch statt sich an den Originalen festzuklammern, öffnen Hutchinson und sein hochkarätiges Ensemble die Stücke, dehnen sie, zerlegen sie teilweise und setzen sie neu zusammen. Was bleibt, ist nicht die Form, sondern die Haltung.
Gerade in den offeneren, fast schwebenden Passagen zeigt sich die Stärke des Albums: Hier wird Raum gelassen – für Improvisation, für Brüche, für Unsicherheiten. Das klingt mal fordernd, mal hypnotisch, aber nie beliebig. Hutchinson selbst agiert dabei weniger als dominanter Bandleader, sondern vielmehr als Impulsgeber, als jemand, der Dynamiken steuert, ohne sie zu kontrollieren.
Die drei Eigenkompositionen fügen sich erstaunlich organisch ein. Sie wirken nicht wie Fremdkörper innerhalb eines Tribute-Konzepts, sondern eher wie eine Fortschreibung dessen, was Miles einst angestoßen hat: das permanente Hinterfragen von Grenzen. Gerade hier wird deutlich, dass „Kind of Now“ mehr sein will als eine Hommage – nämlich ein eigenständiges Statement.
Natürlich ist das kein Album für nebenbei. Wer hier nach eingängigen Melodien oder nostalgischer Verklärung sucht, wird nicht fündig. Stattdessen fordert die Platte Aufmerksamkeit – und belohnt sie mit Momenten, die sich nicht sofort erschließen, aber lange nachwirken.
„Kind of Now“ ist keine Verbeugung, sondern ein Weiterdenken. Gregory Hutchinson gelingt eine Hommage, die sich traut, unruhig zu sein – und gerade deshalb dem Geist von Miles Davis erstaunlich nahekommt.
Text: Dennis Kresse
Erzählt von uns: