366 Tiere, null Chance auf zoologische Verwechslung!

Man kann einen Kalender kaufen. Man kann einen Kalender kaufen, der einem zuverlässig sagt, welcher Tag ist, wann Ostern kommt und wann man langsam anfangen sollte, sich Gedanken über Weihnachtsgeschenke zu machen.

Oder man kauft „366 Tiere, die man leicht verwechselt“ von Luksan Wunder und verbringt das kommende Jahr damit, sich ernsthaft mit der Frage auseinanderzusetzen, warum ein Kolibri möglicherweise ein Klobrilli ist und ob das zoologisch wirklich schon abschließend geklärt wurde.

Die Antwort lautet: nein.

Wobei „nein“ hier eigentlich viel zu vernünftig klingt.

Luksan Wunder nehmen ein Internet-Meme-Format und machen daraus einen immerwährenden Tageskalender. 366 Seiten, 366 Tiere und ungefähr null Interesse daran, die Grenze zwischen Tierkunde und kompletter geistiger Verwahrlosung noch länger zu respektieren.

Das Prinzip ist denkbar einfach: Tiere werden so kombiniert, verdreht, umbenannt oder sprachlich gegen die Wand gefahren, dass plötzlich Geschöpfe entstehen, von deren Existenz man bislang nichts wusste und deren Existenz man nach der Begegnung auch nicht mehr vergessen kann.

Da trifft die Wachtel auf das Müdel.

Die Schlange auf die Schkurze.

Der Kolibri auf den Klobrilli.

Und irgendwo sitzt Darwin und überlegt, ob die Evolution vielleicht doch ein Fehler war.

Das Geniale an diesem Kalender ist dabei, dass die Albernheit nie völlig beliebig wirkt. Hinter dem ganzen Quatsch steckt eine erstaunlich präzise Form von Sprachgefühl. Ein Wort wird nur ein kleines bisschen verschoben und plötzlich steht da ein Tier, das aussieht, als hätte jemand nachts um halb drei in einem sehr schlechten Biologieunterricht die Kontrolle über die Sprache übernommen.

Dazu kommen liebevoll gebastelte Collagen, die den Eindruck erwecken, als hätte jemand die Naturgeschichte eigenhändig ausgedruckt, ausgeschnitten und anschließend beschlossen, dass wissenschaftliche Standards ohnehin völlig überschätzt werden.

Und genau das macht den Charme aus.

Hier wird nicht einfach irgendein Blödsinn zusammengeschrieben. Der Blödsinn wird gebaut.

Mit Sorgfalt.

Mit Geduld.

Mit offensichtlich völlig unangemessen viel Aufwand.

Der Kalender funktioniert deshalb auch nicht wie ein gewöhnlicher Gag-Kalender, bei dem man morgens einen Witz liest, kurz ausatmet und sich anschließend wieder seinem beruflichen Niedergang widmet. Vielmehr entdeckt man auf den einzelnen Blättern immer wieder kleine zusätzliche Ebenen, Anspielungen und absurde Details.

Man bleibt hängen.

Dann schaut man noch einmal hin.

Dann fragt man sich, warum man gerade mehrere Minuten damit verbracht hat, ein zusammengesetztes Fantasietier anzustarren.

Und dann kommt der nächste Tag.

Sehr gefährlich.

Denn plötzlich ist aus dem Kalender ein pädagogisches Projekt geworden.

Nicht im klassischen Sinne.

Niemand wird dadurch besser auf das Leben vorbereitet.

Aber möglicherweise wird die Fähigkeit verbessert, im richtigen Moment zu erkennen, dass „Klobrilli“ ein völlig ausreichender Beitrag zu einer gesellschaftlichen Diskussion sein kann.

Auch die Entscheidung, das Ganze als immerwährenden Kalender anzulegen, ist ziemlich clever. Der Wahnsinn hat damit kein Verfallsdatum. Das Ding kann jedes Jahr wieder aus der Schublade geholt werden, was praktisch ist, weil ein normales Jahr ohnehin schon genügend Verpflichtungen enthält und man nicht auch noch jedes Jahr einen neuen Grund braucht, sich über einen Müdel zu freuen.

Überhaupt ist dieser Kalender ein schönes Gegenmodell zu all den Produkten, die einem ständig erklären wollen, wie man sein Leben verbessern kann.

Achtsamkeit.

Produktivität.

Dankbarkeit.

Selbstoptimierung.

Luksan Wunder sagen stattdessen:

Hier ist ein Tier, das es nicht gibt.

Bitte freuen.

Das ist wohltuend.

Und vermutlich gesünder als viele Ratgeber.

Besonders schön ist dabei, dass der ganze Spaß nicht den Eindruck macht, als wäre er hastig von einer Maschine zusammengeschoben worden. Die 366 Kalenderblätter sind ausdrücklich ohne KI entstanden – also auf die altmodische Art: Menschen sitzen herum und basteln Tiere zusammen, die niemand braucht, aber trotzdem dringend kennenlernen möchte.

Das ist vielleicht überhaupt die heimliche Botschaft dieses Kalenders:

Nicht alles muss einen Nutzen haben.

Manche Dinge dürfen einfach albern sein.

Manche Dinge dürfen vollkommen unnötig sein.

Und manchmal ist ein schlecht gelaunter Klobrilli genau das, was ein Dienstag braucht.

Fazit:

Ein Kalender für Menschen, die eigentlich schon alles haben, aber noch keinen Klobrilli.

366 Tage voller Sprachquatsch, Bildwitz und liebevoller zoologischer Sabotage.

Sehr albern.

Sehr detailverliebt.

Sehr deutsch.

Und erstaunlich konsequent.

Wer nach diesem Kalender immer noch Wachtel und Müdel verwechselt, dem ist allerdings nicht mehr zu helfen.

Der braucht keinen Kalender.

Der braucht Feldforschung.

Text: Dennis Kresse

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