„Zwischen Sanftheit und Widerstand: Sarah Lesch über Haltung, Liebe und leise Stärke“

Im Gespräch über ihr aktuelles Schaffen, ihr Verständnis von Widerstand und die Kraft von Poesie spricht Sarah Lesch offen über Intimität, gesellschaftliche Verantwortung und die Suche nach Verbindung in einer zunehmend zynischen Welt. Dabei wird schnell klar: Hier geht es nicht um einfache Antworten, sondern um Haltung, Zweifel – und die bewusste Entscheidung für Empathie.

1. „Poesie & Widerstand“ – das klingt nach Haltung ohne erhobenen Zeigefinger. Was bedeutet Widerstand für dich im Jahr 2026 ganz konkret?

Der erhobene Zeigefinger war noch nie so mein Ding. Mich interessiert eher dieses Gefühl,eine von vielen zu sein – und gleichzeitig meine Aufgabe zu haben: Lieder, Musik, Poesie in die Welt zu bringen. Vielleicht Menschen zu inspirieren, sie einzuladen, mitzumachen, sich zu verbinden.

Wenn ich heute über Widerstand nachdenke, dann hat er für mich viel mit dem zu tun, was uns lange als Schwäche verkauft wurde: Sanftheit, Verletzlichkeit, Ehrlichkeit. Die Fähigkeit, wirklich von Herz zu Herz zu sprechen. Sich zu zeigen. Sich berühren zu lassen. Und sich miteinander zu verbinden – jenseits von Algorithmen, jenseits von dem, was uns voneinander trennt oder in Konkurrenz setzt.
Widerstand bedeutet für mich gerade, genau das ernst zu nehmen: Gemeinschaft. Zuhören. Geschichten teilen. Sich nicht zynisch zurückziehen, sondern beieinander bleiben. Und sich nicht dafür schämen, „zu weich“ zu sein – sondern darin eine Kraft zu erkennen.

Gleichzeitig tut es mir auch gut, gerade Frauen zu sehen, die laut sind, klar sind, wütend sind. Die sagen, was ist. Wut ist nichts Gefährliches, wenn sie nicht in Gewalt kippt – sie ist oft einfach eine sehr klare Form von Wahrheit. Auch das gehört für mich zum Widerstand: Gefühle nicht zu unterdrücken, sondern sie als Teil von Veränderung zu begreifen.

Und vielleicht ist Widerstand manchmal auch leiser, als wir denken. Vergebung kann eine Form davon sein. Sich bewusst gegen das Weitertragen von Verletzungen zu entscheiden. Gegen das Festhalten am Hass. Für etwas anderes.

Ich glaube, wir sind oft schon viel weiter, als wir denken – auch im Widerständigsein. Es muss nicht immer laut und spektakulär sein. Aber es braucht den Mut, sich wirklich zu zeigen und sich zu fragen: Wie wollen wir eigentlich leben? Und dann Schritt für Schritt in diese Richtung zu gehen.

Denn am Ende bringt es uns nichts, Recht zu behalten, wenn wir dabei einsam werden.

2. Deine Songs bewegen sich oft zwischen sehr persönlicher Intimität und gesellschaftlicher Analyse. Entstehen diese Ebenen gleichzeitig – oder schreibt zuerst die private Sarah und
dann die politische?

Für mich lässt sich das überhaupt nicht trennen. Da gibt es keine zwei Ebenen, keine „private“ und „politische“ Sarah. Das gehört alles zusammen – so wie viele Dinge, die wir oft künstlich voneinander trennen: Musik und Mathe, Gefühl und Verstand. In Wahrheit ist das alles miteinander verbunden.

Auch beim Schreiben ist das für mich eine Ganzheit. Es gibt viele Wege, eine Geschichte zu erzählen – und ich habe über die Jahre gelernt, mich dabei immer näher an meinen eigenen Kern heranzutasten. Am Anfang war da noch mehr Abstand zu mir selbst. Ich war jung, habe ausprobiert, und obwohl manche Lieder schon sehr intim waren, wusste ich oft noch gar nicht genau: Was ist eigentlich mein Gefühl? Wie benenne ich das überhaupt?

Mit der Zeit habe ich gelernt, diese Zwiebelschichten abzutragen und wirklich aus dem Innersten heraus zu schreiben – über das, was mich berührt, erschüttert, bewegt, über Sehnsüchte und Widersprüche. Und ich habe auch gemerkt, wie herausfordernd es seinkann, sich so zu zeigen.

Heute schreibe ich bewusster. Ich kann entscheiden, wie ich eine Geschichte erzähle, aus welcher Perspektive ich auf ein Thema schaue. Natürlich gibt es auch Songs, die sich stärker
mit gesellschaftlichen oder politischen Fragen beschäftigen – aber selbst da komme ich immer über das Persönliche.

Denn ich glaube, dass es beides braucht. Wenn ich nur über Politik schreiben würde, ohne eine persönliche Geschichte, würde ich niemanden wirklich erreichen. Vielleicht würde ich
Gedanken anstoßen – aber nicht berühren.

Und genau darum geht es mir: dass Musik nicht nur im Kopf stattfindet, sondern im ganzen Körper. Dass sie etwas fühlbar macht, im Herzen, im Inneren. Nicht nur den Verstand
anspricht, der alles einordnet und bewertet, sondern auch das, was darunter liegt.

Deshalb ist es für mich kein Entweder-oder. Das Persönliche ist immer politisch – und das Politische wird erst durch das Persönliche wirklich erfahrbar.

3. In vielen deiner Texte geht es weniger um Empörung als um Verbundenheit. Ist Liebe für dich tatsächlich eine Form von politischem Widerstand?

Ja, absolut. Liebe ist für mich eine Form von Widerstand.

Wenn man sich anschaut, wer vor uns da war – gerade auch Menschen, die unter massiven Repressionen gelebt haben –, dann sieht man, wie widerständig Liebe sein kann. Queere Menschen in der DDR zum Beispiel, oder die Geschichte von Marsha P. Johnson. Menschen, die sich geliebt haben, obwohl genau das gesellschaftlich nicht vorgesehen war.

Und ich glaube, diese Kraft hat Liebe bis heute nicht verloren. Im Gegenteil.

Liebe ist etwas total Unkontrollierbares. Sie passiert einfach. Sie sucht sich ihre Wege, oft genau dahin, wo man denkt: bitte nicht jetzt, bitte nicht hier. Und sich dann trotzdem darauf
einzulassen, das zu halten, sich darin zu zeigen – auch in der eigenen Bedürftigkeit – das ist nichts Schwaches. Das ist etwas sehr Starkes. Und ja, auch etwas zutiefst Revolutionäres.

Ich erlebe das auch bei mir selbst: Ich kann gar nicht anders, als Menschen zugewandt zu sein. Auch da, wo ich wütend bin, wo ich mich abgrenze, wo ich vielleicht sogar Ablehnung empfinde. Darunter liegt oft trotzdem so ein Gefühl von: Da ist noch mehr. Da ist etwas, das gesehen werden will. Vielleicht auch etwas, das sich selbst nicht ganz zeigen darf.

Und ich glaube, genau da setzt Liebe an. Nicht als naives „Alles-ist-gut“, sondern als eine Kraft, die Dinge durchdringen kann. Die Panzer knackt. Mich hat da auch Erich Fried sehr geprägt. Ein Mensch, dessen Familie im Holocaust ermordet wurde, der im Exil gelebt hat – und der trotzdem nicht aufgehört hat, über Liebe zu schreiben.

Liebe ist für mich kein Gegenpol zur politischen Haltung. Sie ist ein Teil davon. Vielleicht sogar einer der radikalsten.

4. Du singst gegen Zynismus an – in einer Zeit, in der Zynismus fast als Schutzmechanismus gilt. Wie bewahrt man sich Empathie, ohne daran zu zerbrechen?

Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht immer. Es gelingt mir auch nicht durchgehend. Aber ich merke, dass es mir am ehesten gelingt, wenn ich gut mit mir selbst bin.

Das klingt vielleicht banal, aber ich glaube, es ist der Kern: Wenn ich weiß, dass ich meine eigenen Gefühle aushalten kann – Trauer, Sehnsucht, Verzweiflung –, dann muss ich michn icht davor schützen, indem ich zynisch werde. Dann habe ich keine Angst mehr vor dem, was ich fühle. Und dann kann ich offen bleiben.

Empathie hat für mich viel damit zu tun, dass ich mich selbst ernst nehme. Dass ich meine Grenzen kenne und sie auch setze. Offen zu bleiben heißt ja nicht, alles mit sich machen zu
lassen. Im Gegenteil – es braucht diese Klarheit: Hier bin ich, und hier ist Schluss.
Ich glaube auch, dass sehr viel Kraft darin liegt, sagen zu können: Ich habe mich geirrt. Ich habe etwas falsch eingeschätzt. Ich möchte das jetzt anders machen. Das ist nichts Schwaches, das ist würdevoll.

Überhaupt ist Würde für mich ein wichtiges Wort in dem Zusammenhang. Würdevoll zu bleiben – sich selbst gegenüber und anderen. Sich einzugestehen, dass man verletzlich ist, dass man liebt, dass man Sehnsucht hat. Und gleichzeitig Verantwortung dafür zu übernehmen, wie man damit umgeht.

Ich kenne das auch, dass ich mich schützen muss. Dass ich Menschen nicht mehr in die Augen schaue, weil ich weiß: Wenn ich sie anschaue, dann fühle ich wieder zu viel. Dann werde ich weich, dann halte ich vielleicht Dinge aus, die mir nicht guttun. Und dann ist Abstand die gesündere Form von Liebe – auch mir selbst gegenüber.

Ich kann nicht gut zynisch sein. Ich kann nicht gut nachtragend sein. Und ja, wahrscheinlich würde ich die meisten Menschen, die vor meiner Tür stehen und sagen „Ich brauche etwas“, erstmal reinlassen. Aber ich habe gelernt, dass das nur funktioniert, wenn ich dabei ehrlich bleibe – und wenn ich mich selbst nicht verliere.

Vielleicht ist genau das der Punkt: Empathie bewahren, ohne daran zu zerbrechen, heißt nicht, härter zu werden. Sondern klarer. Und liebevoller – auch mit sich selbst.

5. „Poesie & Widerstand“ wirkt wie ein Gegenentwurf zum Dauerlärm der Gegenwart. War es dir wichtig, bewusst leise Töne zu setzen?

Ja, das war mir sehr wichtig. Für mich ging es bei diesem Album viel um Würde – und um so etwas wie einen Adlerblick. Also die Fähigkeit, einen Schritt zurückzutreten und die Dinge aus einer größeren Perspektive zu betrachten. Mich selbst darin zu sehen, als Teil eines größeren Ganzen. Und auch wieder mehr bei dem anzukommen, was uns verbindet.

Ich habe ganz bewusst Entscheidungen getroffen und auch Songs nicht mit auf das Album genommen, obwohl sie da waren. Die liegen jetzt auf der Wartehalde. Aber für dieses Album
habe ich mich entschieden, einen anderen Ton zu setzen: klarer, würdevoller, mehr im Kern der Dinge. Nicht weniger deutlich – aber anders gesprochen.

Ich war einfach sehr müde von diesen Grabenkämpfen. Von diesem Gegeneinander, von diesem „nach oben treten“ und „alles ist scheiße“. Das kenne ich auch, und das hat auch seine Berechtigung – aber ich wollte mich daraus ein Stück weit aufrichten. Mich hinstellen und sagen: Das bin ich. Das will ich. Dafür stehe ich.

Und das spiegelt sich auch in der Musik wider. Ich hatte eine große Sehnsucht nach etwas Echtem, Unmittelbarem. Etwas, das sich anfühlt, als würde es direkt aus meiner Küche kommen.

6. Du bist seit über zehn Jahren eine prägende Stimme im deutschsprachigen Liedermacher-Kosmos. Hat sich dein Blick auf deine Verantwortung als Künstlerin verändert?

Eigentlich nicht. Meine Haltung hat sich nicht grundlegend verändert.

Ich glaube nach wie vor, dass jeder Mensch Verantwortung trägt – vor allem dann, wenn er oder sie privilegiert ist, gehört wird, in Sicherheit lebt. Dann geht es darum, nicht nur für sich selbst einzustehen, sondern auch für andere. Dafür, dass wir miteinander leben können. Dass möglichst viele Menschen diese Sicherheit spüren dürfen.

Was mich eher beschäftigt, ist diese Erwartung, dass ausgerechnet Künstler*innen besonders politisch sein sollen. Das finde ich schwierig. Kunst ist erstmal, was sie ist. Sie steht für sich. Es gibt keinen Katalog, in dem sie richtig oder falsch ist.

Die Frage ist eher: Wie positioniert sich der Mensch dahinter?

Ich finde es fast ein bisschen bequem, diese Verantwortung vor allem auf Kunstschaffende zu schieben. Dabei geht es uns alle an.

7. Zwischen Waldrand und Weltgeschehen – Naturbilder spielen in deinen Songs immerwieder eine Rolle. Sind sie Rückzugsort, Metapher oder politischer Raum?

Für mich ist Natur in erster Linie ein Ort, an dem ich mich sicher und verbunden fühle. Und
genau aus diesem Gefühl heraus entsteht bei mir Kreativität.

Wenn ich mich geborgen fühle, nicht gestresst bin, dann wird etwas in mir wach – so ein Gefühl von Zuhause. Und aus dieser Energie heraus entstehen dann auch Lieder.Deshalb ist die Natur für mich ganz klar eine Inspirationsquelle.

Ein Freund von mir sagt oft: Das Wichtigste, was wir tun können, ist, Schönheit in die Welt zu bringen. Und so schlicht das klingt, so wahr finde ich das.Gleichzeitig ist Natur natürlich nie nur Rückzugsort. Sie ist auch ein politischer Raum.
Vielleicht beginnt es genau da: sich überhaupt wieder in Beziehung zu setzen. Zur Natur, zu sich selbst, zueinander.

8. Viele deiner Hörer*innen suchen in deinen Konzerten Trost – andere Klartext. Spürst du diesen Erwartungsdruck, oder schreibst du radikal aus dir selbst heraus?

Ja und ja. Natürlich spüre ich Erwartungsdruck. Aber gleichzeitig schreibe ich radikal aus mir selbst heraus. Anders geht es gar nicht. Ich kann mir das nicht vornehmen. Das, was rauskommt, kommt raus.

Und ich merke auch: Wenn dieser Erwartungsdruck zu laut wird, dann bin ich nicht mehr an dem Punkt, an dem ich wirklich schreiben kann. Ich schreibe das, was ich fühle. Alles andere wäre Verrat – an mir selbst und an denen, die mir zuhören und mit mir fühlen und sind.

9. Wie viel Hoffnung steckt wirklich in diesem Album? Ist „Poesie & Widerstand“ eher ein Aufbruch – oder eine Bestandsaufnahme?

Beides. Für mich ist es auf jeden Fall ein Aufbruch – aber einer, der genau weiß, wo er herkommt. Es gibt Verzweiflung, aber auch Hoffnung. Es fühlt sich manchmal an wie der letzte, enge Teil eines Geburtskanals. Es ist anstrengend, es ist schmerzhaft – aber ich kann das Licht schon sehen.

Und bis dahin bleibt für mich die Entscheidung, trotzdem an dieses Licht zu glauben.

10. Wenn du dir wünschst, dass nach dem Hören eine einzige Zeile im Kopf bleibt – welche wäre das und welche Haltung soll sie transportieren?

„Ich weiß noch keine Zeit, doch ich kenne einen Ort.“ Diese Zeile trägt für mich Zuversicht, Gewissheit und Kraft. Und vielleicht vor allem: eine radikale Form von Liebe.

Vielen Dank für das schöne Gespräch.

Fragen: Dennis Kresse

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