Wer bei politischer Musik sofort an erhobene Zeigefinger und deprimierende Weltuntergangs-Soundtracks denkt, dürfte bei Iris Lamouyette ziemlich überrascht werden. Mit ihrem selbst erfundenen „Umwelt-Punk-Chanson“ verbindet sie Klimathemen, Gesellschaftskritik und Zukunftsfragen mit Humor, Energie und überraschend viel Lebensfreude. Zwischen Keytar, Loopsampler, klassischem Gesang, Rap-Elementen und Performancekunst entstehen Shows, die gleichermaßen Konzert, Kabarett und Zukunftsvision sind. Dennis sprach mit Iris Lamouyette über kreative Verantwortung, Punk ohne „No Future“-Attitüde, Toiletten-Songs, Hoffnung als Widerstand – und darüber, warum Kunst gerade jetzt laut bleiben muss.
Du hast mit dem „Umwelt-Punk-Chanson“ praktisch dein eigenes Genre erfunden. Wann hast du gemerkt: „Okay, normale Schubladen reichen für das hier definitiv nicht mehr aus“?
Mit Umwelt-Punk-Chanson habe ich ein Genre mit einem Inhaltsbegriff vermischt: Punk und Chanson stehen für das Genre, während Umwelt den Inhalt behandelt. Punk und Chanson allein reichen nicht aus, um meinen Musikstil zu beschreiben, also habe ich das verbunden. Aber eigentlich habe ich auch Pop-, Rap- und Jazzelemente mit dabei, doch dann wäre die Wortschöpfung endlos lang geworden :))
Deine Songs behandeln Klimakrise, Demokratiekrise und gesellschaftlichen Wandel – trotzdem verlässt man deine Auftritte eher euphorisiert als deprimiert. Wie schafft man es, so schwere Themen mit so viel Lebensfreude zu verbinden?
Humor benutze ich als Werkzeug, weil ich glaube, dass euphorisierte Menschen kreativer sind, als wenn man die Menschheit deprimiert. Das war ganz anders, als ich anfing Songs zu schreiben. Damals hörte und schrieb ich eher Depri-Texte und -Musik. Aber dann merkte ich, dass mich das am Ende nur runterzieht. Damals fing ich an, Humor mit ernsten Themen zu mischen. Ich finde generell, dass ich eine Verantwortung dafür habe, welche Art von Energie ich in die Welt setzen möchte.
Und dann ist es tatsächlich auch so, dass es schon viele tolle Lösungen gibt (siehe mein „Holy Shit“-Song), und diesen leihe ich gern meine Stimme, um sie zu verbreiten!
In „Holy Shit“ besingst du Trenn-Toiletten statt Rock’n’Roll-Klischees. Hast du manchmal das Gefühl, dass gerade die absurd klingenden Themen die Menschen am stärksten erreichen?
Nein, das ist kein Selbstläufer. Gerade der Kino-Dokumentarfilm „Holy Shit“, den ich schon vorab sehen durfte, hatte es anfänglich sehr schwer und wurde aufgrund seines Tabu-Themas von vielen Festivals erstmal abgelehnt. Das hat mich sehr geärgert, und daher hatte ich als Reaktion darauf Lust, einen Song zu dem Thema zu schreiben. Schön war, dass ich den Song dann doch noch auf vielen Filmfestivals performen durfte. So war ich mit dem Regisseur Ruben Abruna und dem Produzenten Valentin Thurn auf Festivals wie der re:publica und ich durfte auch bei der Deutschlandpremiere des „Holy Shit“-Films in Köln im Kino auftreten. Dabei haben mich die Kids, die auch am Ende meines „Holy Shit“-Songvideos auf YouTube im Musikvideo performen, mit einer Liveperformance unterstützt, inklusive Bodypercussion, die ich vor dem Videodreh mit ihnen einstudiert habe.
Deine Bühnenauftritte wirken wie eine Mischung aus Kabarett, Konzert, Performancekunst und Zukunftsdemonstration. Wie viel Chaos steckt hinter dieser Energie – und wie viel davon ist tatsächlich präzise geplant?
Gute Frage: Ich hatte gerade Premiere mit meinem neuen Programm „Songs aus der Zukunft“. Da habe ich schon ein Ideen-Skript mit dem Text, und der Ablauf der Songs steht natürlich auch fest. Aber bei so einer Premiere ist natürlich super spannend, welche von meinen Ideen funktionieren, und erfreulicherweise hat das Geplante sehr gut funktioniert. Aber ich halte mich nicht wortwörtlich an mein Skript, sondern lasse auch etliches durch die Interaktion mit dem Publikum und meinen Fans entstehen. Witzig finde ich, dass die Leute viel mitsingen können und das auch sehr gern tun. Viele meiner Hooks sind dafür auch konzipiert.
Mit Keytar, Loopsampler und klassisch geschulter Stimme prallen bei dir musikalisch völlig unterschiedliche Welten aufeinander. Ist genau dieser Stilbruch für dich die ehrlichste Art, unsere Zeit abzubilden?
Nein, das hat sich einfach eines nach dem anderen so ergeben. Mit 17 tourte ich zwei Jahre mit der Punkband „The Decadent Death“ durch Süddeutschland. Danach hat mich interessiert, wie Singen wirklich geht, und ich habe klassischen Gesang studiert. Ich mag generell Entwicklung, und nach zwei Solo-Klavierprogrammen hatte ich einfach Lust, einen schrilleren Sound zu entwickeln. Also mehr als nur Stimme, Loopsampler, Akkordeon und Piano. Als mich dann die Keytar im Music Store anlachte, war es Liebe auf den ersten Blick.
Du arbeitest bei den aktuellen Konzerten unter anderem mit dem Kölner Frauenshantychor Die Brausen und Rapper Divamant zusammen. Was passiert musikalisch, wenn Umwelt-Punk-Chanson plötzlich auf Shanty-Chor und Rap trifft?
Ich verwende ja selber auch Rap als Stilelement in meinen Songs, deshalb passte das gut mit dem queeren Rapper Divamant. Ich finde ihn einfach toll, und weil er sofort Ja sagte, hat das gut gepasst. Zu den Brausen habe ich ein besonderes Verhältnis, da ich diesen ungewöhnlichen Chor als Vocalcoach leite. Ich fand es einfach witzig, sie als Kontrast dabei zu haben, zumal sie „Farbfilm“ von Nina Hagen im Programm hatten, wie auch einige Texte, die gut zu meinen Themen passen. Sie schreiben alle Texte selber und performen jeden Song mit einer Choreografie, und sie sind auch toll kostümiert – passen also super in meine Show!
2024 wurdest du mit dem Preis „Klingende Grundrechte“ ausgezeichnet und warst unter anderem bei der re:publica und dem Human Rights Film Festival zu sehen. Spürst du, dass politisch-künstlerische Stimmen aktuell wieder wichtiger werden?
Ich hoffe es sehr! Weil die Kunst einen starken Kontrapunkt zur Politik bieten kann! Ich finde es toll, wenn Initiativen wie der Landesmusikrat NRW solche Wettbewerbe wie „Klingende Grundrechte“ ausschreiben. Ich war sofort Fan dieser Idee. Und es hat mir viel kreativen Spaß gemacht, mich mit der Frage auseinanderzusetzen und sie auf meine Art zu beantworten. Generell halte ich es aber auch mit Iggy Pop: „watching the news“ – und ziehe mir die Nachrichten nicht täglich rein.
Viele Menschen reagieren auf Dauerkrisen inzwischen mit Rückzug oder Überforderung. Glaubst du, Kunst muss heute stärker denn je aktiv Hoffnung produzieren?
Ich hoffe es auf jeden Fall! Die Umwelt ist zu schön, um sie zu verspielen.
Hand aufs Herz: Wenn du tatsächlich Songs aus der Zukunft schreibst – wie klingt die Welt in zehn Jahren? Mehr dystopischer Endzeit-Punk oder doch überraschend hoffnungsvoll?
Mit meinem Programm „Songs aus der Zukunft“ weise ich bereits im Titel darauf hin, dass ich nicht die „No Future“-Punk-Attitüde vertrete, weil ich sie auch nicht mehr zeitgemäß finde! Daher: „Umwelt-Punk-Chanson“. Mitunter zeige ich in meinen Songs auch beide Möglichkeiten, weil ich damit auf unsere Wahlmöglichkeiten hinweisen möchte. Zum Beispiel in meinem Song „Our Land’s Gone Now“. Im Herbst bringe ich neue Songs raus, dann können wir gern nochmal konkret darüber sprechen. Die Hoffnung stirbt definitiv zuletzt!
Vielen Dank für das schöne Gespräch.
Fragen: Dennis Kresse
Credits: David Klammer