Zwischen gestern und immernie: Hi! Spencer wachsen über sich hinaus

Manchmal braucht es keine Weltreise, um große Geschichten zu erzählen. Ein Blick zurück, ein bisschen Wehmut und die Erkenntnis, dass manches eben nicht zurückkommt, reichen völlig. Hi! Spencer aus Osnabrück machen auf „immernie“ genau daraus ihre ganz eigene Angelegenheit. Und die kommt offenbar ziemlich gut an: Das fünfte Studioalbum steigt auf Platz 3 der deutschen Albumcharts ein – die bislang höchste Chartplatzierung einer Band aus Osnabrück.

Doch bevor jetzt jemand vorschnell „Chartband“ ruft: „immernie“ klingt erfreulicherweise nicht nach einem kalkulierten Versuch, möglichst weit nach oben zu kommen. Eher nach einer Band, die über die Jahre ziemlich genau herausgefunden hat, was sie sagen will – und wie sie es sagen möchte.

Dabei geht es um Vergänglichkeit, Erinnerungen und die etwas unangenehme Frage, was eigentlich bleibt, wenn sich das Leben längst weitergedreht hat. Sommer kommen und gehen, Menschen verändern sich, Orte sehen plötzlich anders aus und manchmal stellt man fest, dass man selbst auch nicht mehr ganz derjenige ist, der man gestern noch war. Klingt zunächst nach Stoff für eine besonders schwere Platte. Hi! Spencer vermeiden glücklicherweise die große Taschentuchnummer.

Stattdessen treffen auf „immernie“ Melancholie und Energie aufeinander. Die Songs dürfen traurig sein, ohne sich darin gemütlich einzurichten. Sie dürfen nach vorne gehen, ohne so zu tun, als wäre alles prima. Genau diese Gegensätze machen das Album interessant.

„immernie“ ist deshalb kein Album für die schnelle Antwort. Hoffnung trifft auf Zweifel, Aufbruch auf Heimweh, Tristesse auf Euphorie. Und statt eine dieser Seiten zur richtigen zu erklären, lassen Hi! Spencer sie einfach nebeneinander stehen. Das ist ziemlich menschlich – und vielleicht gerade deshalb so überzeugend.

Musikalisch bleibt die Band dabei ihrem Indie-Sound treu, wirkt aber gleichzeitig gereift. Da wird nicht krampfhaft versucht, größer zu klingen, als man ist. Die Songs wachsen vielmehr aus dem heraus, was Hi! Spencer in den vergangenen Jahren aufgebaut haben. Nach ausverkauften Clubtouren und Festivalauftritten bei Hurricane, Southside, Deichbrand und Highfield ist die Band längst kein Geheimtipp mehr.

Und trotzdem ist da diese angenehme Bodenständigkeit, die vielen Acts verloren geht, sobald die ersten größeren Zahlen auftauchen. Hi! Spencer können inzwischen Millionen Streams vorweisen und trotzdem klingt „immernie“ nicht nach dem musikalischen Gegenstück zu einer Excel-Tabelle.

Vielleicht liegt genau darin die Stärke des Albums. Es versucht nicht, das Leben zu erklären. Es hält ihm eher den Spiegel hin. Manchmal ist das Ergebnis schön, manchmal schmerzhaft und gelegentlich sogar beides gleichzeitig.

Dass die Band ausgerechnet mit einem Album über Vergänglichkeit ihren bislang größten kommerziellen Erfolg feiert, hat dabei fast schon etwas Ironisches. „immernie“ heißt schließlich nicht, dass alles für immer bleibt. Eher das Gegenteil. Es geht darum, dass gerade das Endliche Bedeutung bekommt.

Und so ist „immernie“ ein Album geworden, das sich nicht anbiedert und trotzdem erstaunlich nah kommt. Keine große Geste, kein künstlich aufgerissenes Pathos – sondern Songs über Dinge, die wir alle kennen und trotzdem gerne verdrängen.

Hi! Spencer haben damit nicht nur ihren bisher größten Chartmoment erwischt. Sie haben ein Album gemacht, das ziemlich genau weiß, dass nichts bleibt, wie es ist. Und vielleicht ist das die angenehmste Form von Nostalgie: nicht zurückwollen, sondern sich noch einmal umdrehen, kurz lächeln und dann weitergehen.

HI! SPENCER – „immernie“ Tour 2026

30.10. – Hannover, Faust
31.10. – Dresden, Beatpol
01.11. – Berlin, Lido
06.11. – Münster, Sputnikhalle
07.11. – Köln, Kantine
12.11. – Frankfurt, Das Bett
13.11. – Stuttgart, Club Cann
14.11. – München, Backstage
26.11. – Bochum, Bahnhof Langendreer
27.11. – Hamburg, Fabrik
28.11. – Bremen, Modernes

Zum Abschluss geht es am 19.12. in die Heimat: Dann spielen Hi! Spencer ihre Homecoming-Show in der Botschaft in Osnabrück.

Text: Dennis Kresse

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