Zwischen DIY-Wahnsinn, Festivalbühnen und völliger Überforderung Friends Don’t Lie über „Zenit der Dramaturgie“, Rock am Ring und den schmalen Grat zwischen Abriss und Absturz

Während andere Newcomer ihre Karriere mit Strategiemeetings, TikTok-Plänen und Industrie-Netzwerken starten, haben Friends Don’t Lie lieber kostenlose Guerilla-Shows gespielt, alles selbst organisiert und sich irgendwie von Bühne zu Bühne gehangelt. Dass die Band inzwischen bei Festivals wie Rock am Ring oder Lollapalooza auftaucht, wirkt deshalb fast wie ein Fehler im System – allerdings wie ein ziemlich schöner. Mit ihrem neuen Album „Zenit der Dramaturgie“ liefern sie nun einen Soundtrack zwischen Euphorie, Selbstzweifeln, Stadionenergie und Kontrollverlust. Wir haben mit Sänger Markus Ziesch über DIY-Kultur, emotionale Abstürze und kostenlose Campground-Konzerte gesprochen.

Euer Weg wirkt wie das komplette Gegenteil vom klassischen „Industrie-Newcomer“: keine Booking-Agentur, kein großes Label im Rücken, kein Produzent – dafür Rock am Ring und Lollapalooza. Wie oft habt ihr selbst gedacht: „Das dürfte eigentlich gerade gar nicht funktionieren“?

Von außen wirkt es verständlicherweise vielleicht so, als ob alles märchenhaft abseits des klassischen Weges lief. Die Wahrheit ist wohl eher, dass man sich trotzdem irgendwie von Punkt zu Punkt geangelt hat und zeitweise auch auf der Stelle getreten ist. Wir haben sicherlich ganz viele Hürden übersprungen die man am Anfang als Band so vor sich hat. Die Größte davon ist wahrscheinlich überhaupt wahr- und ernst genommen zu werden.

Aber ja, gerade bei so Momenten wie Rock am Ring stand man oft einfach nur da und dachte sich dass es gerade alles zu schön ist um wahr zu sein. Davon ziehen wir auch heute noch ganz viel Kraft. Das war ein krasser Motivator.

„Zenit der Dramaturgie“ klingt schon als Titel ziemlich maximalistisch. Ist das eher Größenwahn, Selbstironie oder tatsächlich das Gefühl, gerade am emotionalen Höhepunkt angekommen zu sein?

Der Titel hat eigentlich eine viel melancholischere und ängstlichere Seite. Für uns persönlich stand die Frage im Raum was denn eigentlich passiert wenn man immer dem Höhepunkt entgegenfiebert. Alles maximiert. Sich selbst optimiert. Im Drama folgt nach dem Höhepunkt immer der Fall und es endet selten gut. Auch gesellschaftlich betrachtet sehen wir das ganz ähnlich. Dafür dass wir angeblich auf dem Weg zu einer besseren Welt sind, passiert ganz schön viel Scheiße. Dieser Titel setzte den Rahmen für eine Platte über Zweifel, Höhenflug und Absturz.

Eure Musik verbindet Indie, Punk und Stadion-Energie – gleichzeitig wirken viele Texte ziemlich persönlich und suchend. Wie schwer ist es, zwischen „Abriss“ und echter Verletzlichkeit die Balance zu halten?

Generell fällt es schon manchmal schwer sich selbst und Dinge um einen herum richtig zu beschreiben. Die größte Angst liegt wohl darin, dass Ganze nicht zu pathetisch oder zu kitschig klingen zu lassen. Dabei hilft mir mich dauerhaft selbst zu hinterfragen und auch die Jungs in der Band dauerhaft zu bitten ehrlich zu sein.

Viele junge Bands optimieren heute alles sofort für Algorithmen und TikTok-Clips. Ihr dagegen macht Guerilla-Konzerte und kostenlose Fanshows. Ist das bewusster Gegenentwurf zur durchgeplanten Musikindustrie?

Vielleicht kein bewusster, aber definitiv ein authentischer Gegenentwurf. Am Ende muss man sagen das ist auch nur eine weitere Methode des Marketings, aber eben eine die sich für uns besser und natürlicher anfühlt. Irgendwie soll sich alles gegenseitig die Waage halten. Ich habe keine Lust 100 Videos zu posten und in der Zeit kein einziges mal live zu spielen.

Dass ihr plötzlich auf Festivals wie Rock am Ring oder Lollapalooza gespielt habt – gab es da einen Moment, in dem ihr backstage standet und dachtet: „Was zur Hölle machen wir eigentlich hier?“

Ja, vor allem ganz am Anfang waren wir hier und da etwas schüchtern, was sonst gar nicht zu uns passt haha. Ich saß bei Rock am Ring nach unserem Gig im Backstage, um etwas zu essen als sich Tim Mcllrath (Rise Against Frontman) direkt neben mich setzte und mir einen guten Appetit wünschte. Habe ihn gefühlt erst mal 10 Sekunden angestarrt bis ein leises “Thanks” kam.

Der Sound von Friends Don’t Lie erinnert stellenweise an euphorischen Indie-Rock der 2000er, gleichzeitig aber auch an modernen Deutschpunk. Welche Bands oder Platten haben euch geprägt, ohne dass ihr zur bloßen Kopie werden wolltet?

Das ist sehr schwer zu sagen. In der Jugend wurde natürlich viel Ami (Pop)Punk gehört. Aber auch härteres Zeug. Aber auch The Kooks & Arctic Monkeys. Und dann irgendwann Casper und generell viel Deutschrap. Viele, viele verschiedene Einflüsse. Heute hören wir im Bandbus wirklich so gut wie alles. Irgendjemand schmeißt den brutalsten neuen Hardcore Song drauf um danach bisschen Reinhard Mey mitzusingen.

„Zenit der Dramaturgie“ klingt nach einem Album, das permanent unter Strom steht. Gab es beim Schreiben überhaupt Momente der Ruhe oder funktioniert diese Band nur mit maximalem Adrenalinpegel?

Das Album wurde größtenteils im zweiten Halbjahr 2025 geschrieben. Und abgesehen vom Endspurt den wahrscheinlich jede Band kennt um die Deadlines einzuhalten, haben wir uns dieses Mal bewusst Zeit dafür genommen. Vorher war es immer hektisch weil wir parallel noch so viel zu tun hatten.

Spannend ist auch, dass ihr trotz des Erfolgs weiterhin viel selbst organisiert. Ist diese komplette Eigenregie inzwischen eure größte Stärke – oder manchmal auch der größte Nervenzusammenbruch?

Ich glaube aktuell haben wir eine gute Arbeitsteilung und mit unserem Booking & Label ein wirklich tolles (kleines) Team, das super funktioniert. In den letzten 3 Jahren konnte man dann doch vieles lernen und wenn es spontan mal irgendwo hakt, erledigen wir es einfach selbst. Grafik, Schnitt, Videos, Aufsager, was auch immer, in der Regel schnell gemacht.

Eure Promo-Aktionen wirken fast schon wie kleine politische Statements gegen die klassische Konzertlogik: spontane Shows, direkte Nähe zu Fans, unangekündigte Aktionen. Fehlt euch in der heutigen Musikszene manchmal genau diese Unberechenbarkeit?

Ich würde vielleicht nicht sagen dass das fehlt, aber man sieht ja an einigen Beispielen wie toll es sein kann und wie viel Spaß es den Fans bereitet. Kraftklub machen das oft sehr, sehr gut. Beim letzten Reeperbahnfestival hat die Band dutzende Konzerte an einem Abend gespielt. Mal vor 4 Leuten, dann wieder vor 400. Spontan ist einfach schön. Dementgegen stehen halt leider einfach die riesigen Kosten. Ich würde am liebsten jeden Tag im Sommer auf irgendeinem Festival auf dem Campingplatz spielen, aber das ist leider nicht immer drin.

Hand aufs Herz: Wenn „Zenit der Dramaturgie“ jetzt richtig durch die Decke geht – wie groß ist die Gefahr, dass Friends Don’t Lie plötzlich genau zu dem werden, wogegen ihr eigentlich immer gearbeitet habt?

hmm, das klingt so, als wären wir “Anti-Mainstream” und die stabilste “DIY-Punkband” hahaha. Wir wollen wachsen, wir wollen, dass Menschen zu unseren Konzerten kommen und dazu gehört immer eine gewisse Art des Kommerz. Damit haben wir auch gar kein Problem. Es soll aber immer ein Geben & Nehmen bleiben. Für jeden Auftritt auf der MainStage eines großen Festivals spielen wir dann ein kostenloses Nachmittagskonzert auf dem Campground. Da ist doch ein Deal oder? 😀

Danke für das schöne Gespräch.

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