WITCH POST / SOUNDCHECKER.KOELN
Interview: Dennis Kresse
Witch Post verbindet zwei sehr unterschiedliche Orte – Schottland und Montana. Wie prägt diese geografische Distanz eure Art, gemeinsam Musik zu schreiben und aufzunehmen?
Alaska: Sie gibt uns auf jeden Fall viel Stoff zum Austausch. Konzeptuell greifen wir gerne auf die Mythen und Geschichten unserer jeweiligen Heimatorte zurück und versuchen, daraus etwas Neues zu entwickeln. Praktisch läuft es oft so: Wir beginnen Ideen zunächst alleine – ein Riff, eine Akkordfolge oder ein Thema – und tauschen uns dann darüber aus. Wenn wir schließlich zusammen sind, finden wir sozusagen den „North Star“ des Songs, also das, worum es wirklich geht.
Eure Songs wirken gleichzeitig fragil und kraftvoll. Spiegelt dieser Kontrast eure unterschiedlichen musikalischen Hintergründe und Persönlichkeiten wider?
Alaska: Auf jeden Fall. Das beschreibt eigentlich ganz gut, wie es sich anfühlt, nach zehn Jahren eine Indie-Rock-Musikerin zu sein…
Wir mögen dieses bittersüße Gefühl und bewegen uns gern in Grauzonen – zwischen Dingen, die eigentlich im Widerspruch stehen. Das spiegelt sich ja auch schon in unseren Titeln Beast und Butterfly wider.
Dylan: Kontraste halten es spannend. Nichts ist schlimmer, als ein Album zu hören, bei dem jeder Song gleich klingt.
Nach der „Beast EP“ erscheint jetzt die „Butterfly EP“. Steckt hinter diesen Titeln eine bewusste Idee von Veränderung oder Entwicklung?
Alaska: Wir wollten uns klanglich etwas sanfter aufstellen, ohne das Rock-Gefühl zu verlieren. Außerdem sind wir stärker in komplexere Vocal-Arrangements gegangen, mit mehr Überlagerungen und Details. Bei Butterfly haben viele Songs eine akustische Gitarrenschicht, dazu kommt eine gewisse Americana-Energie, an die wir uns bei Beast vielleicht noch nicht herangetraut haben.
Euer Sound bewegt sich zwischen Grunge, Indie-Rock und etwas sehr Introspektivem. Wie entstehen eure Songs – eher aus Texten, Stimmungen oder Gitarrenideen?
Alaska: Das kann alles sein. Oft starten wir mit der Gitarre und schauen, was sich daraus entwickelt. Manchmal kombinieren wir auch bestehende Ideen mit einem neuen Riff oder Fragment.
Dylan: Das ist wirklich von Song zu Song unterschiedlich. Manchmal gibt es eine klare klangliche Vision, oft spielen wir aber einfach so lange herum, bis sich etwas richtig anfühlt.
Eure Bandbeschreibungen wirken oft geheimnisvoll, fast schon mythisch. Ist das bewusst so angelegt – vielleicht um Raum für Interpretation zu lassen?
Alaska: Absolut. Ich wollte einfach weg von den üblichen Indie-Rock-Bios. Ich habe so viele davon geschrieben – irgendwann fühlte sich das leer an. Also habe ich mich für etwas entschieden, das mich selbst begeistert und den Spirit des Projekts unterstreicht. Ich lese viel Fantasy, und Witch Post ist für mich eine Möglichkeit, Musik und diese Vorliebe für das Mystische zu verbinden.
Ihr werdet oft mit Artists wie MJ Lenderman, Wednesday oder Waxahatchee verglichen. Fühlt ihr euch dieser Szene zugehörig oder geht es euch eher darum, euren eigenen Weg zu gehen?
Alaska: Den Vergleich habe ich so noch nicht oft gehört, aber ich freue mich total darüber – das sind großartige Künstler:innen. Ich bin ein großer Waxahatchee-Fan und verfolge ihre Entwicklung schon seit Cerulean Salt.
Ehrlich gesagt habe ich mir lange gewünscht, Teil einer solchen Songwriter-Szene zu sein. Mit Witch Post fühlt es sich aber nicht einsam an, auch ohne klare Szene-Zugehörigkeit. Trotzdem – wäre schon schön.
Dylan: Alles tolle Musiker:innen. Ich selbst habe mich nie wirklich als Teil dieser Szene gefühlt, weil ich in Schottland aufgewachsen bin. Aber durch meine Zeit in den USA entdecke ich viele amerikanische Bands – und das macht großen Spaß.
Dylan, deine Texte wirken oft ruhig und introspektiv, während Alaska eine gewisse Direktheit und Stärke einbringt. Wie treffen diese beiden Energien im Songwriting aufeinander?
Alaska: Feuer und Eis, Baby. Wobei wir eigentlich beide beides sind – vielleicht bin ich Trockeneis. Im Ernst: Wir nutzen unsere Unterschiede und wechseln auch mal die Rollen. „Worry Angel“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir im Song selbst in einen Dialog treten.
Dylan: Ich bin einfach emo.
Ihr wart letztes Jahr beim Reeperbahn Festival. Wie habt ihr das europäische Indie-Publikum im Vergleich zu den USA oder Großbritannien erlebt?
Alaska: Ihr habt besseres Essen und scheint Rockmusik wirklich zu lieben. Ich freue mich darauf, zurückzukommen.
Dylan: Die Leute haben richtig Lust auf Rock – das macht Spaß. Und sie sind offen dafür, neue Bands zu entdecken, was ziemlich cool ist.
Eure Texte wirken persönlich, sind aber selten konkret. Wie wichtig ist es euch, dass Hörer:innen ihre eigene Bedeutung darin finden?
Alaska: Für mich ist Kunst immer auch ein Weg, mich selbst und meine Sicht auf die Welt zu reflektieren. Jeder kann unsere Songs so lesen, wie er oder sie möchte – genau das ist ja das Schöne daran. Ich will die Fantasie anregen.
Dylan: Es ist besser, wenn nicht alles erklärt wird. Klar, manchmal macht es Spaß, alles wie bei Fleetwood Mac auseinanderzunehmen – aber oft ist es spannender, sich einfach vom Song führen zu lassen.
Wenn die „Butterfly EP“ euren aktuellen Stand abbildet – wohin entwickelt sich Witch Post als nächstes? Mehr Intimität oder ein größerer, lauterer Bandsound?
Alaska: „Witching Hour“ wird wahrscheinlich schon ein bisschen DNA für das Debütalbum enthalten. Der Rest… wird sich zeigen.
Dylan: Wir werden immer irgendwo dazwischen bleiben. Ich glaube nicht, dass wir uns je komplett für die eine oder andere Richtung entscheiden.
Fragen: Dennis Kresse
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