Mit den „Building a Home Sessions“ erweitert Nina Freckles ihre gefeierte Debüt-EP „How Many People Can I Be?“ um drei intime Live-Neuinterpretationen, die weit mehr sind als klassische Session-Aufnahmen. Zwischen Bushaltestelle, Busfahrt und Filmset entsteht ein visuelles Gesamtkunstwerk über Zugehörigkeit, Identität und die Suche nach einem Zuhause – musikalisch wie menschlich. Im Interview spricht Nina Freckles über kreative Freiheit, die Kraft der Verletzlichkeit, DIY-Spirit und darüber, warum manche Antworten erst auf dem Weg entstehen.
Deine EP „How Many People Can I Be?“ drehte sich stark um Identität, Selbstzweifel und die vielen Versionen eines Selbst. Hat sich deine Antwort auf die Titelfrage ein Jahr später verändert?
Gute Frage. Ich würde sagen, ich weiß jetzt ein kleines Stückchen mehr, wer ich bin. Meine Antwort ist aber immer noch die gleiche. Als Mensch ist man ein Zusammenspiel aus vielen unterschiedlichsten Facetten, die einen einzigartig machen. Mir war es wichtig, all meine musikalischen Facetten auszuleben, um mich als Künstlerin zu präsentieren und mein inneres Spiegelbild nach außen zu kehren.
Mit den „Building a Home Sessions“ kehrst du zu bereits veröffentlichten Songs zurück. Was haben dir diese Stücke heute zu erzählen, was sie bei der ursprünglichen Aufnahme vielleicht noch nicht konnten?
An sich hat sich inhaltlich nicht viel verändert. Es ist jedoch sehr schön, die Songs in einem anderen Gewand zeigen zu können. Das liebe ich generell bei Live-Versionen von Songs. Man arbeitet einfach anders als im Studio und es passieren spontane Momente, die man einfach nicht planen kann. Dadurch fällt einem bei der Live Session vielleicht eine Textzeile besonders auf, die vorher vielleicht untergegangen ist.
Die Sessions wirken unglaublich intim und gleichzeitig sehr filmisch. Wann entstand die Idee, Musik und visuelles Storytelling so eng miteinander zu verbinden?
Ursprünglich wollte ich nur eine kleine Live Session in einem Studio machen, haha. Ich habe mir ein kleines Team aus meinen unfassbar talentierten Freunden zusammengestellt: Henrik Lührsen (Regie,Kamera und Schnitt), Sophia Darrmann (Szenenbild und Produktion) und Marco Benducci (Tontechnik). Und dann ist es in der ersten Planungssitzung ein wenig eskaliert, würde ich sagen. Das Konzept: drei Liveperformances, die aussehen wie kleine Musikvideos und zusammen eine Geschichte erzählen, die an einen Kurzfilm erinnert. Wir haben am Set sogar alle Mikrofone versteckt!
Die Reise beginnt an einer Bushaltestelle, führt in einen Bus und endet schließlich am Filmset. Steckt hinter dieser kleinen Geschichte eine persönliche Metapher für deinen eigenen Weg als Künstlerin?
Ich habe oft das Gefühl, dass ich kontinuierlich nach einem Ankommen strebe und denke auch, dass ich damit nicht alleine bin. In den Songs geht es viel um das Suchen und Finden von einem Ort oder einem Gefühl der Zugehörigkeit. Ich glaube, man muss sich dieses Gefühl ein Stück weit selbst geben und sich aktiv ein Umfeld gestalten, in dem man wachsen, heilen und inspiriert werden kann.
Viele Musikerinnen versuchen heute, immer größer und lauter zu werden. Deine Musik lebt dagegen von Zwischentönen und Verletzlichkeit. Braucht es manchmal mehr Mut, leise zu sein als laut?
Mein erster Impuls ist es zu sagen, dass es vor allem Mut erfordert, eine klare Entscheidung zu treffen, welches Klang-Ideal man anstrebt. Ich persönlich liebe kleine Details oder wenn Songs ultra dynamisch wachsen, wabern und sich formwandelnd entwickeln. Genau das umsetzen zu wollen ist manchmal ziemlich einschüchternd, weil es gar nicht so einfach ist, diese Sensibilität immer aufrechtzuerhalten.
Der DIY-Gedanke zieht sich durch das gesamte Projekt. Was bedeutet es dir, kreative Entscheidungen selbst in der Hand zu behalten – und wo stößt dieser Ansatz gelegentlich an seine Grenzen?
Das ist mir so wichtig. Ich mag es sehr, dass ich absolute künstlerische Freiheit habe und ich mir ganz genau aussuchen kann, mit wem ich in welcher Form zusammenarbeite. Auf der anderen Seite hängt dadurch auch viel von mir ab. Es fehlen oft finanzielle Mittel um Projekte umsetzen zu können und dadurch dauert vieles einfach ein bisschen länger. Ich durfte aber auch lernen, dass es nichts kostet, um Hilfe zu bitten. So wurde bei den „Building a Home Sessions“ aus einer One-W*man-Show ein Team aus über 108 Menschen.
Gerade „Lost in Translation“ wirkt in der neuen Version noch einmal emotionaler und unmittelbarer. Verändern Live-Aufnahmen für dich die Bedeutung eines Songs?
Witzig, dass du gerade diesen Song ansprichst. In der Live Session spielen wir nämlich eine ältere Version des Songs. Wir haben das Arrangement Ende 2022 im Trio gemacht und im Laufe der Studio-Sessions entwickelte sich dann noch eine neue zweite Strophe und eine Bridge. Ich freue mich, dass es jetzt beide Versionen gibt. Manchmal ändern sich Dinge halt und in dem Fall hatte ich halt noch etwas zu erzählen.
Deine Songs haben oft etwas Tröstendes, ohne einfache Antworten zu liefern. Schreibst du Musik eher, um Fragen zu stellen oder um sie für dich selbst zu beantworten?
Ich behandle meine Songs oft wie ein öffentliches Tagebuch, haha. Selten habe ich eine direkte Antwort auf die Themen und Fragen, die ich in meinen Texten versuche zu formulieren. Es ist immer ein Suchen oder manchmal auch einfach ein stilles Beobachten und Annehmen. Manchmal muss man Dinge auch nicht verstehen, um sich selbst und anderen mit Empathie zu begegnen.
Zwischen Social Media, Dauerverfügbarkeit und ständigem Vergleichen scheint es immer schwieriger zu werden, bei sich selbst zu bleiben. Wie gelingt es dir, deine eigene Stimme nicht aus den Augen zu verlieren?
Ui, ganz klar! Fehler machen und daraus lernen. Ausprobieren, auf die Schnauze fallen, nochmal auf eine andere Art probieren und schauen, ob das besser geklappt hat. Therapie hilft auch, haha. Sich in Ehrlichkeit üben und immer wieder zu re-evaluieren, ob das, was man tut, wirklich dem eigenen Kern entspricht. Es hilft auch ein stabiles Umfeld an Menschen um sich zu haben, die einen für die Person schätzen, die man ist.
Die „Building a Home Sessions“ tragen bereits im Titel das Bild eines Zuhauses in sich. Hand aufs Herz: Hast du dieses musikalische Zuhause inzwischen gefunden oder bist du noch immer auf der Suche danach?
Ich bin auf jeden Fall irgendwo angekommen, wo es mir gefällt und das sich auch ein bisschen nach Zuhause anfühlt. Jetzt freue ich mich darauf, diesen musikalischen Ort noch weiter zu erkunden und will auch ein bisschen abenteuerlustiger werden. Mal sehen, wo es mich noch so hintreibt.
Vielen Dank für das schöne Gespräch.
Interview: Dennis Kresse
Erzählt von uns: