„Zu viel Kopf, zu viel Stadt, zu viel Ich – Ole Lucoje stolpert brillant durchs Debüt!

Manchmal kommen Debüts nicht leise. Sie stolpern rein, erzählen zu viel, denken zu schnell – und bleiben genau deshalb hängen. So eines ist „Pazifist mit Gewaltfantasien“ von Ole Lucoje.

Frisch gekrönt als Berlin-Brandenburgischer Poetry-Slam-Landesmeister 2024 bringt Lucoje genau das aufs Papier, was auf Bühnen oft funktioniert – und dort manchmal auch scheitert: Tempo, Witz, Überforderung. Der Unterschied: Im Buch darf das alles gleichzeitig passieren.

Lucoje schreibt, als hätte jemand seinen Gedankenfilter deaktiviert. Zwischen Short Story, Slam-Text und essayistischer Selbstzerlegung entsteht ein Sound, der irgendwo zwischen „Haha“ und „Oh“ pendelt. Vieles wirkt wie schnell hingeworfen, ist aber oft präzise beobachtet: Großstadtneurose, studentischer Selbstzweifel, dieses diffuse Gefühl, dass alles ein bisschen zu viel ist – und man selbst mittendrin.

Was das Buch stark macht, ist genau diese Ambivalenz. Da ist dieser knallige Humor, der manchmal ins Groteske kippt, und direkt daneben ein fast unangenehmes Maß an Ehrlichkeit. Der Titel ist Programm: Pazifismus trifft auf innere Eskalation, Kontrolle auf Kontrollverlust.

Stilistisch zieht Lucoje viele Register – vielleicht sogar ein paar zu viele. Nicht jeder Text sitzt, manche Ideen verlaufen sich, einige Pointen wirken wie aus dem Slam-Kontext direkt übernommen und verlieren auf Papier ein wenig an Druck. Aber genau darin liegt auch der Reiz dieses Debüts: Es ist nicht geschniegelt, sondern suchend.

Und dieses Suchen hat Haltung. Lucoje will nicht die großen Fragen beantworten – er umkreist sie, stolpert über sie, macht Witze über sie. Das ist klüger, als es zunächst klingt.

Man merkt: Hier schreibt keiner, der schon angekommen ist. Sondern einer, der unterwegs ist – und dabei verdammt unterhaltsam scheitert, reflektiert, neu ansetzt.

Ein Debüt wie ein guter Slam-Abend: nicht perfekt, aber lebendig, unruhig und voller Momente, die hängen bleiben. Ole Lucoje ist eine Stimme, die man im Auge behalten sollte – gerade weil sie noch nicht ganz weiß, wo sie hinwill.

Text: Dennis Kresse

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