Es gibt Bands, die ihre Vergangenheit verwalten. Und es gibt Bands, die auch nach mehr als fünf Jahrzehnten noch versuchen, neue Wege zu beschreiten. YES gehören zweifellos zur zweiten Kategorie. Mit ihrem 24. Studioalbum „Aurora“ beweisen die britischen Progressive-Rock-Legenden einmal mehr, dass Kreativität kein Verfallsdatum kennt.
Die aktuelle Besetzung mit Steve Howe, Geoff Downes, Jon Davison, Billy Sherwood und Jay Schellen präsentiert ein Werk, das die Tradition der Band respektiert, ohne sich von ihr einengen zu lassen. „Aurora“ ist kein nostalgischer Rückblick auf die glorreichen Siebzigerjahre, sondern vielmehr der Versuch, den klassischen YES-Geist in die Gegenwart zu transportieren.
Von den ersten Klängen an wird deutlich, dass Steve Howes markantes Gitarrenspiel weiterhin das Herzstück des Bandsounds bildet. Ergänzt durch die charakteristischen Keyboardlandschaften von Geoff Downes entstehen jene weitläufigen Klangräume, die YES seit Jahrzehnten auszeichnen. Gleichzeitig wirkt das Album erstaunlich frisch und lebendig. Die Musiker verlassen sich nicht allein auf bekannte Muster, sondern lassen neue Ideen und moderne Einflüsse zu.
Besonders bemerkenswert ist die Geschlossenheit des Albums. Obwohl jeder Song seinen eigenen Charakter besitzt, entsteht ein stimmiges Gesamtbild. Mal dominieren komplexe Arrangements und filigrane Instrumentalpassagen, mal stehen eingängige Melodien und emotionale Momente im Vordergrund. Diese Balance zwischen Anspruch und Zugänglichkeit gehört seit jeher zu den großen Stärken von YES und gelingt auch auf „Aurora“ eindrucksvoll.
Jon Davison überzeugt erneut mit seiner klaren, warmen Stimme, die den Songs Leichtigkeit verleiht, während Billy Sherwood und Jay Schellen für ein solides rhythmisches Fundament sorgen. Das Zusammenspiel der Musiker wirkt organisch und selbstverständlich – genau so, wie Steve Howe den Entstehungsprozess beschreibt: Erst durch die Beiträge aller Beteiligten wird aus einer Idee ein echter YES-Song.
„Aurora“ wird vermutlich nicht als revolutionärer Meilenstein in die Geschichte der Band eingehen. Das muss es aber auch nicht. Stattdessen präsentiert sich das Album als würdige Fortsetzung eines außergewöhnlichen musikalischen Lebenswerks. YES zeigen hier eindrucksvoll, dass sie auch im Jahr 2026 noch neugierig genug sind, um weiterzuforschen, weiterzulernen und ihre Musik weiterzuentwickeln.
Die Morgendämmerung, die der Albumtitel verspricht, ist daher weniger ein Neuanfang als vielmehr ein weiteres Licht am Horizont einer bemerkenswert langen Reise. Und genau darin liegt die größte Stärke von „Aurora“.
Fazit: YES liefern mit „Aurora“ ein starkes Progressive-Rock-Album ab, das Tradition und Weiterentwicklung gekonnt verbindet. Kein nostalgischer Selbstzweck, sondern ein lebendiger Beweis dafür, dass die kreative Flamme der Band auch nach dem 24. Studioalbum noch hell brennt.
Text: Dennis Kresse
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